Ein Interview mit Luis Francés, venezolanischer Friedens- und Genderexperte mit langjähriger Erfahrung im humanitären, sozialen und diplomatischen Bereich, geführt von Dr. Gal Harmat, Senior Fellow, swisspeace.
Luis Francés verfügt über umfangreiche Erfahrung im Einsatz für vulnerable Bevölkerungsgruppen, darunter indigene Gemeinschaften in Venezuela. Durch seinen Aktivismus und seine angewandte Gender-Forschung beschäftigt er sich mit der Wechselwirkung zwischen Kultur und Gender-Dynamik. Er demonstriert, wie Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen ihre Ideen zu Kultur, Gender und Frieden in praktische und wirkungsvolle Initiativen umsetzen können.
Wie haben traditionelle Geschlechterrollen die politische und soziale Beteiligung von Frauen in der Friedensförderung und Konfliktlösung in Lateinamerika beeinflusst?
Traditionelle, weitgehend westlich geprägte Geschlechterrollen haben die politische und soziale Teilhabe von Frauen in Lateinamerika historisch eingeschränkt, wobei der Widerstand in den einzelnen Ländern unterschiedlich stark war. Faktoren wie die sozialen Systeme der präkolumbianischen indigenen Gemeinschaften, die patriarchale spanische und portugiesische Ordnung und die gesellschaftlichen Auswirkungen der Unabhängigkeitskriege trugen alle zu dieser Einschränkung bei. Dennoch hat die Beteiligung von Frauen an Initiativen zur Friedensförderung und Konfliktlösung zugenommen. So spielten die kolumbianischen Frauen beispielsweise eine zentrale Rolle im Kolumbiens Friedensabkommen von 2016, in das rund 122 Massnahmen für Frauen und Mädchen aufgenommen wurden. So spielten die kolumbianischen Frauen beispielsweise eine zentrale Rolle im Kolumbiens Friedensabkommen von 2016, in dem rund 122 Massnahmen für Frauen und Mädchen aufgenommen wurden. Trotz dieser Fortschritte bleibt die Umsetzung begrenzt, da Berichten zufolge weniger als 13 % der Massnahmen vollständig umgesetzt wurden.
Wie beeinflussen geschlechtsspezifische Erwartungen die Reaktionen von Regierungen und Institutionen auf geschlechtsspezifische Gewalt (GBV) in Konfliktperioden in Lateinamerika?
Geschlechtsspezifische Erwartungen in Konflikt- und Krisenzeiten führen oft zu unzureichenden Massnahmen gegen GBV, insbesondere wenn Frauen von Entscheidungsprozessen und Politikgestaltung ausgeschlossen sind. Dies kann dazu führen, dass traditionellen Sicherheitsmassnahmen Vorrang vor einer umfassenden Reaktion auf GBV eingeräumt wird. Im guatemaltekischen Friedensabkommen von 1996 zum Beispiel war die Einrichtung eines formellen Frauenkonsultationsgremiums von grundlegender Bedeutung für die Umsetzung der 28 Verpflichtungen, die sich auf die Rechte von Frauen und indigenen Frauen konzentrierten. Langfristige Fortschritte sind jedoch nur langsam zu verzeichnen, und die guatemaltekischen Frauen kämpfen weiterhin für ihre Rechte und ihre Beteiligung.
Wie wirken sich kulturelle Männlichkeitsvorstellungen auf Konfliktdynamiken und die Friedensförderung in Venezuela aus?
Kulturelle Vorstellungen von Männlichkeit, die Kontrolle und Dominanz betonen, tendieren dazu, Konfliktdynamiken zu verstärken. In Venezuela wird dies deutlich, wenn man die Eskalation der Gewalt und die Freund-Feind-Rhetorik im Zusammenhang mit der multifaktoriellen Krise des Landes analysiert. Initiativen wie «Frauen für Dialog und Frieden in Venezuela» und die von der feministischen NGO Cauce geleitete Agenda «Von Partner:innen im Konflikt zu Partner:innen im Frieden» bringen Frauen aus dem gesamten politischen Spektrum Venezuelas zusammen, um sich für die Inklusion von Frauen und geschlechtergerechte Dialoge als Lösungen für die Krise in Venezuela einzusetzen.
Inwieweit stellen Frauenorganisationen in Lateinamerika patriarchale Systeme in Friedensprozessen in Frage und wie erfolgreich sind sie dabei?
Der Erfolg ist von Land zu Land unterschiedlich, aber obwohl ich einige Fortschritte feststelle, denke ich, dass noch ein langer Weg vor uns liegt. Ein gleichberechtigter Dialog zwischen den Geschlechtern ist nach wie vor unerlässlich, um sicherzustellen, dass Genderfragen nicht länger mit Frauenfragen vermischt werden. Diese Dialoge sollten auch dazu beitragen, die lateinamerikanischen Männer einzubeziehen und sie zu ermutigen, ihre Geschlechterrollen und Erwartungen zu überdenken.
Wie hinterfragt oder verstärkt die Kunst in Venezuela traditionelle Geschlechternormen und -stereotype im Kontext politischer oder sozialer Konflikte?
Street-Art in Venezuela dient oft als Plattform, um traditionelle Geschlechternormen in Frage zu stellen und politische Botschaften zu vermitteln. Im Zusammenhang mit den Protesten in den Jahren 2014, 2017 und 2018 malten Street-Art-Gruppen Wandbilder, auf denen Frauen als aktive Anführerinnen von Widerstandsbewegungen und nicht als passive Opfer dargestellt wurden und stellte die typische Darstellung von Frauen als mütterliche Figuren, die im Kontext gewalttätiger Proteste für die Opfer leiden, in Frage. In geringerem Ausmass stellte diese Street-Art auch LGBTQI+ Personen in Widerstandsbewegungen dar. Heute sind fast alle dieser Wandmalereien verschwunden oder wurden nach dem Ende der Proteste absichtlich entfernt.
Welche Rolle spielt die Kunst in der kollektiven Erinnerung an geschlechtsspezifische Gewalt in Venezuela und wie unterstützt oder behindert sie die Friedensförderung?
Kunst wie Theater und szenische Kunst spielen eine zentrale Rolle bei der Bewahrung der kollektiven Erinnerung an geschlechtsspezifische Gewalt in Venezuela. In den letzten zehn Jahren haben alternative und kollektive Theatergruppen Theateraufführungen genutzt, um geschlechtsspezifische Gewalt und Femizid zu kritisieren und die Öffentlichkeit dafür zu sensibilisieren. Dabei wurde häufig die Perspektive der betroffenen Frauen eingenommen. Unter Vermeidung einer Verharmlosung oder einer Reviktimisierung der Betroffenen setzen sich diese künstlerischen Ansätze auf bewegende Weise mit dem Thema auseinander und regen zum Nachdenken an. In einem hoch politisierten Kontext wie in Venezuela stellen diese Theaterarbeiten einen kreativen, intelligenten und manchmal kontroversen Weg dar, um für die Beseitigung geschlechtsspezifischer Gewalt einzutreten und das Bewusstsein der Zuschauer:innen zu schärfen.