Myanmar befindet sich seit Jahrzehnten in einem Konflikt, doch die internationale Aufmerksamkeit hat nachgelassen. Seit dem Putsch von 2021 hat sich sowohl der Widerstand als auch die Krise verstärkt. Die Schweiz setzt sich mit ihrer Abteilung Frieden und Menschenrechte (AFM) weiterhin für den Frieden ein. Nassim Awad, Programmverantwortlicher für Myanmar bei der AFM, spricht über die Rolle der Schweiz und die aktuelle internationale Reaktion.
Was ist die Rolle der AFM in Myanmar?
Wir arbeiten im Rahmen des Schweizer Kooperationsprogramms in Myanmar (2024-27), das Entwicklungszusammenarbeit, humanitäre Hilfe, Friedensförderung und Menschenrechtsdiplomatie verbindet. Die AFM unterstützt Friedensprozesse, indem sie wichtige Akteur:innen einbezieht. Unser Ansatz fördert den Dialog und zielt darauf ab, Konfliktbewältigung voranzutreiben, indem Friedensprozesse durch die Zusammenarbeit mit relevanten Schlüsselakteur:innen identifiziert, gestaltet und unterstützt werden. Wir wollen einen Beitrag zu einem demokratischeren, friedlicheren und wohlhabenderen Myanmar leisten, indem wir uns auf Frieden, Gewaltabbau und Schutz konzentrieren.
Die Ziele der AFM umfassen:
- Dialog in der Zukunft: Stärkung von Konfliktbewältigung, politischem Wandel und Versöhnung.
- Deeskalation des Konflikts: Entwicklung und Unterstützung von Mechanismen zum Schutz der Zivilbevölkerung, zum erleichterten Zugang für humanitäre Hilfe und zur Eindämmung der Gewalt.
- Alternative Perspektiven: Förderung von Forschung und Analyse als Grundlage für friedensfördernde Aktivitäten.
Wie viel Aufmerksamkeit erhält Myanmar international und in der Schweiz?
Im Vergleich zu Krisen wie in der Ukraine oder im Nahen Osten erhält Myanmar deutlich weniger Aufmerksamkeit. Obwohl es sich um einen der gewalttätigsten und langwierigsten Konflikte der Gegenwart handelt, ist die Berichterstattung nach wie vor gering. Im Jahr 2025 hat sich der Bedarf an humanitärer Hilfe verzwanzigfacht. Das Land ist mit einer schweren Nahrungsmittelkrise konfrontiert, in der schätzungsweise 15,2 Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sind, und die Zahl der vermeidbaren Krankheiten steigt.
Die Schweiz hat sich kontinuierlich für Myanmar eingesetzt, insbesondere während ihres Mandats im UNO-Sicherheitsrat (2023-24). Gemeinsam mit Grossbritannien haben wir Menschenrechtsverletzungen angeprangert und Resolutionen zur Rohingya-Krise mitgetragen. Auch nach dem Ende ihrer Ratsmitgliedschaft setzt die Schweiz ihr Engagement in UNO-Gremien und multilateralen Foren fort.
Hat sich die internationale Aufmerksamkeit für Myanmar im Laufe der Zeit verändert?
Der Putsch von 2021 war ein Wendepunkt. Vor dem Putsch unterstützte die Schweiz das nationale Waffenstillstandsabkommen (NCA) in Myanmar. Nach dem Putsch verlagerte sich der Schwerpunkt auf die humanitäre Hilfe und die Förderung des Dialogs ausserhalb des NCA. Diese Entwicklung ist auf die Notwendigkeit zurückzuführen, sich den veränderten politischen Realitäten und der zunehmenden Polarisierung anzupassen. Die Schweiz konzentriert sich nun auf kreative Lösungen, um Hilfe zu leisten und gleichzeitig mit allen Parteien in Kontakt zu bleiben.
In den letzten 18 Monaten ist Myanmar aufgrund der wachsenden Schattenwirtschaft vermehrt in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Insbesondere die sogenannten «scam centres» (Betrugszentren) und der damit verbundene Menschenhandel sind Themen, welche die internationale Öffentlichkeit direkt betreffen. Dies hat regionale und globale Aufmerksamkeit erregt.
Welche Herausforderungen ergeben sich aus der geringen Aufmerksamkeit?
Die begrenzte Aufmerksamkeit stellt eine Herausforderung dar und verlangt nach pragmatischen Lösungen, um den Dialog aufrechtzuerhalten. Der Ruf der Schweiz als ausgewogene und reaktionsfähige Akteurin trägt dazu bei, die Aufmerksamkeit für Myanmar aufrechtzuerhalten und potenziell zu erhöhen. Die Schweiz unterstützt die Bemühungen des UNO-Sondergesandten und des Verbands Südostasiatischer Nationen (ASEAN) zur Förderung eines inklusiven Dialogs und der humanitären Prinzipien.
Wie trägt die Schweiz zur Friedensförderung in Myanmar bei?
Die Schweiz setzt ihr Engagement im Rahmen des Kooperationsprogramms 2024-27 fort und konzentriert sich dabei auf die Bereiche Frieden, Existenzsicherung und Grundversorgung. Die Mittel wurden umverteilt, um den humanitären Zugang und Deeskalationsmassnahmen zu fördern. Dazu gehört auch das Pilotprojekt «Joint Ceasefire Monitoring Committee» (Gemeinsamer Ausschuss zur Überwachung des Waffenstillstands, JMC).