Kämpfe für Frauenrechte und feministische Friedensförderung koexistieren seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Es war jedoch erst mit der Verabschiedung der Resolution 1325 des UN-Sicherheitsrats im Jahr 2000 und ihrer neun nachfolgenden Resolutionen¹, dass das internationale Recht begann, die Agenda „Frauen, Frieden und Sicherheit“ (WPS-Agenda) zu gestalten und ihre zentrale Rolle in Friedensverhandlungen, Konfliktlösungen und Sicherheitsfragen anzuerkennen.
Die Erfahrung der lokalen Umsetzung der Resolution 1325 durch Nationale Aktionspläne und die schrittweise implementierung dieser Agenda verlief unterschiedlich und bietet wertvolle Erkenntnisse, die über den ursprünglichen Rahmen hinausgehen. In Kolumbien haben Frauen- und Friedensbewegungen seit über 30 Jahren erfolgreich politische, rechtliche und Übergangsjustiz-Transformationen vorangetrieben, um eine Lösung des bewaffneten Konflikts zu ermöglichen—trotz des Fehlens eines Nationalen Aktionsplans.
In den letzten zwei Jahrzehnten hat Kolumbien Friedensabkommen mit zwei bewaffneten Gruppen unterzeichnet, Prozesse der Übergangsjustiz eingeleitet und die Rechte der Opfer anerkannt. Dennoch besteht Kriminalität weiter fort, und der Frieden bleibt aus. Um der anhaltenden Gewalt zu begegnen, fördert die nationale Regierung mehrere Dialoge und Verhandlungen mit verschiedenen bewaffneten Akteuren gleichzeitig.
Die kolumbianische Frauen- und Friedensbewegung ist breit und vielfältig und umfasst starke Organisationen, Netzwerke und Führungsfiguren auf nationaler und lokaler Ebene. In mehreren Fällen hat die Frauenbewegung Friedensprozesse unterstützt, gefördert und überwacht, Opferentschädigungen vorangetrieben und die strukturellen Veränderungen gefordert, die in den Friedensabkommen vorgesehen sind. So haben die Allianzen zwischen Friedensaktivistinnen, dem Staat, der internationalen Gemeinschaft und den Verhandlungsparteien die WPS-Agenda in Kolumbien zum Leben erweckt.
In den 1990er-Jahren, nach der Verfassung von 1991, erlangten kolumbianische Frauen die Anerkennung ihres Rechts auf Gleichheit, nachdem sie ihre Gemeinschaften vor bewaffneten Akteuren verteidigt und feministische Märsche für Frieden und Gewaltlosigkeit organisiert hatten. In den 2000er-Jahren dokumentierten und klagten sie die unterschiedlichen Auswirkungen und unverhältnismässigen Folgen des Krieges auf Frauen ein, was schliesslich zur Annahme eines verfassungsmässigen Schutzes der Rechte von Frauen und Mädchen führte, die Opfer von Zwangsvertreibungen wurden.²
Seit 2011 wurden bedeutende Fortschritte bei der Entschädigung weiblicher Opfer und der Anerkennung des Zusammenhangs zwischen patriarchaler Gewalt im Alltag und ihrer Verschärfung während des Konflikts erzielt. Mit dieser Erfahrung und einer gestärkten Bewegung konnten Frauen an den Friedensprozessen teilnehmen und Einfluss nehmen sowie die WPS-Agenda im Abkommen zwischen der Regierung und der FARC-EP (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia – Ejército del Pueblo), der mächtigsten bewaffneten Gruppe, verankern. Heute setzen sich Friedensaktivistinnen weiterhin mit der humanitären Krise auseinander, überwachen die Umsetzung des Friedensabkommens und bemühen sich um Beteiligung an laufenden Verhandlungen.
Die Wahl der aktuellen Regierung im Jahr 2022 brachte neue Hoffnung, dass Resolution 1325 über ein Instrument der Interessenvertretung hinausgehen und zu einer staatlichen Politik umgesetzt würde. Fast 24 Jahre nach der ersten Annahme der WPS-Agenda steht Kolumbien kurz davor, seinen ersten Nationalen Aktionsplan für Resolution 1325 (NAP 1325) umzusetzen, der bis Ende 2024 lanciert werden soll.
Der NAP 1325 enthält innovative Elemente, die darauf abzielen, den Handlungsspielraum der Agenda zu erweitern, um aktuellen Friedens- und Sicherheitsherausforderungen von Frauen zu begegnen. Über 1’500 Frauen aus dem ganzen Land nahmen an der ersten Entwurfsphase teil. Im Gegensatz zu anderen NAPs, die sich auf die Aussenpolitik konzentrieren, richtet sich Kolumbiens Plan auf die Innenpolitik. Zudem verfolgt er einen intersektionalen Ansatz, um die Diversität der Frauen anzuerkennen, und verpflichtet 33 Institutionen zu seiner Umsetzung und Finanzierung über die nächsten zehn Jahre. Der Plan priorisiert Themen wie Migration, wirtschaftliche Autonomie, sexuelle und reproduktive Gewalt, die Umweltkrise durch extraktive Industrien, den Schutz von Territorien, indigene und afrokolumbianische Völker und ihr überliefertes Wissen sowie Diskussionen über feministische Sicherheit und psychische Gesundheit.
Unterdessen erarbeitet die Schweiz ihren fünften NAP 1325. PeaceWomen Across the Globe war zusammen mit Frieda – der feministischen Friedensorganisation und KOFF/swisspeace für den Bericht mit den Prioritäten und Empfehlungen der Zivilgesellschaft verantwortlich. Das Beispiel Kolumbiens unterstreicht die Bedeutung der Einbindung vielfältiger Frauenorganisationen sowohl für die Ausarbeitung als auch für die Umsetzung des NAP. Sie sind diejenigen, die für Frieden und Sicherheit gekämpft haben, mit oder ohne NAP. Ihre Erfahrungen sind entscheidend, um die genannten Themen, die die Sicherheit von Frauen beeinflussen, zu positionieren. Es ist von zentraler Bedeutung, aktuelle Sicherheitsherausforderungen aus einer Geschlechterperspektive anzugehen. Dies bedeutet, sich von traditionellen, staatenzentrierten Sicherheitskonzepten zu entfernen und hin zu feministischen und menschenzentrierten Sicherheitsprinzipien.
Kolumbien hat, wie andere Länder wie Kanada und Deutschland, verstanden, dass die Wirkung von NAPs eine effektive Zusammenarbeit zwischen Frauenorganisationen, Innenpolitik, Aussenpolitik und allen staatlichen Institutionen erfordert. Die Herausforderungen dieses Prozesses anzunehmen bedeutet, dass die Schweiz diskutieren muss, was es bedeutet, sich voll und ganz der WPS-Agenda zu verpflichten. Es ist nicht plausibel, die WPS-Agenda in der Aussenpolitik zu positionieren und nicht angemessene Massnahmen im Inland zu ergreifen. Die Schweiz mag nicht mit einem bewaffneten Konflikt wie Kolumbien konfrontiert sein, aber wie in Kolumbien verstehen Frauenorganisationen, dass es bei der WPS-Agenda darum geht, Krieg zu verhindern, nicht ihn für Frauen sicherer zu machen.³ Unsere Expertise und Erfahrung positionieren uns als Schlüsselakteurinnen, sowohl bei der Gestaltung als auch bei der Umsetzung der WPS-Agenda.