Ende Mai 2024 schlug die indigene Anführerin und Lehrerin, Rosemary Pioc, im Namen des regionalen Frauenrates der Awajun und Wampis Alarm. Ihren Recherchen zufolge erfuhren zwischen 2010 und 2024 mindestens 520 Schüler:innen sexualisierte Gewalt durch ihre Dozierenden. Rosemary kritisierte die Gleichgültigkeit, Straflosigkeit sowie Korruption der Behörden, da weder die Justiz noch die zuständigen Institutionen die Opfer schützen konnten. Im Juni waren noch 80% der 524 beschuldigten Lehrkräfte weiterhin als Dozierende in der Amazonas-Region tätig.
Die Behörden in Lima versuchten zunächst, die Enthüllungen herunterzuspielen, in dem sie die «kulturelle Praktiken zur Familienbildung» der indigenen Gemeinschaften unter Hauptverdacht stellten – eine rassistische Opferbeschuldigung, welche für einen zivilgesellschaftlichen Aufschrei der Empörung und für Protest sorgten. In Peru werden laut UNICEF tagtäglich 34 Minderjährige Opfer sexueller Gewalt, 92% davon Mädchen. 4.75 unter 15-jährige Mädchen gebären täglich ein Kind infolge von Missbrauch.
Transformative Strategien gegen sexualisierte Gewalt
Das Peruanische Frauenzentrum (PFZ) Flora Tristan, eine feministische Partnerorganisation von Mission 21, setzt sich seit mehr als 45 Jahren für die Verteidigung der Frauenrechte ein. Ihr Ziel ist die Verteidigung des Rechts auf ein gewaltfreies Leben und der Geschlechtergerechtigkeit. Sie sensibilisiert Behörden, organisiert öffentliche Proteste und treibt Gesetzesreformen voran. In den indigenen Gemeinschaften, in denen sie arbeiten, entwickeln sie im interkulturellen Dialog kontextspezifische Strategien – dies meist im Spannungsfeld von Schlüsselfaktoren wie Geschlecht, Armut, Rassismus, Auswirkungen des Klimawandels und Ausbeutung der Natur durch (il)illegale Akteur:innen. Theaterpädagogische Methoden wie das Soziodrama ermöglichen die Enttabuisierung und erleichtern das Benennen des Strafgegenstandes durch die Betroffenen selbst. Alltagsrealitäten werden nachgespielt und geben gleichzeitig dem Kollektiv die Möglichkeit, über das Geschehene zu reflektieren, ihre Rechte kennenzulernen sowie Anlauf- und Vollzugsstellen zu identifizieren und anzugehen.
Die Prävention von sexualisierter Gewalt findet dabei auch in Verbindung mit Strategien zur Förderung ökologischer Landwirtschaft, Einkommensförderung und politischer Beteiligung von Frauen statt. Frauen und Frauenvereine werden zu Wissensquellen für Bodenfruchtbarkeit, sichern den Zugang zu nährstoffreicher Nahrung für ihre Haushalte und Gemeinschafen und schaffen nebenbei Einkommen. So werden sie zu Schlüsselakteurinnen im Klimaschutz und gewinnen mehr Einfluss in Haushalt und Gemeinschaft, was auch die Prävention enorm verbessert.
Der Handlungsspielraum der Zivilgesellschaft schrumpft
Sexualisierte Gewalt, die die minderjährigen indigenen Awajun und Wampis erfahren, haben gravierende Folgen für die körperliche und geistige Gesundheit: sexuell übertragbare Krankheiten wie AIDS, ungewollte Schwangerschaften und Suizide. Wo der Staat versagt, sind starke Frauenfiguren und zivilgesellschaftliche Organisationen wie das PFZ Flora Tristan unverzichtbar. Ihr Handlungsspielraum schrumpft jedoch. Lautstark erklingen seit 2022 Proteste und Forderungen gegen den Gender Backlash und systematischen Demokratieabbau in Peru. Letzterer befeuert die sexualisierte Gewalt zusätzlich und wirft die politischen Bemühungen und rechtlichen Errungenschaften im Bereich Chancengleichheit der Geschlechter um Jahrzehnte zurück.