{"id":3737,"date":"2024-06-24T17:39:31","date_gmt":"2024-06-24T17:39:31","guid":{"rendered":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/?p=3737"},"modified":"2024-06-27T12:47:03","modified_gmt":"2024-06-27T12:47:03","slug":"wir-muessen-am-leben-bleiben-um-diese-arbeit-zu-leisten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/3737\/wir-muessen-am-leben-bleiben-um-diese-arbeit-zu-leisten\/","title":{"rendered":"\u00abWir m\u00fcssen am Leben bleiben, um diese Arbeit zu leisten\u00bb"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Caryn Dasah ist Jugendleiterin und Aktivistin f\u00fcr soziale Gerechtigkeit und Frieden in einem Land, das einen global wenig beachteten bewaffneten Konflikt erlebt: Die anglophone Krise in Kamerun.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In Kamerun kam es 2017 in zwei Regionen zu Gewaltausbr\u00fcchen, nachdem die frankophone Zentralregierung hart gegen einen gewaltlosen Streik von Lehrer:innen und Jurist:innen als Protest gegen die Berufung frankophoner Richter:innen in die englischsprachigen Regionen im S\u00fcd- und Nordwesten des Landes sowie gegen die allgemeine Ausgrenzung der englischsprachigen Bev\u00f6lkerung vorgegangen war. Aus dieser Unterdr\u00fcckung ging eine bewaffnete separatistische Bewegung hervor. Infolge von Kampfhandlungen zwischen den Separatistengruppen und den Sicherheitskr\u00e4ften der Regierung wurden hunderttausende Menschen vertrieben \u2013 die meisten davon Frauen und Kinder. \u00dcber 60 Prozent der Bev\u00f6lkerung Kameruns ist j\u00fcnger als 25: Der Konflikt betrifft also vor allem junge Menschen, die darum eine treibende Kraft f\u00fcr die Friedensf\u00f6rderung sind. Auch Caryn Dasah geh\u00f6rt dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit 13 Jahren arbeitet sie in l\u00e4ndlichen Gemeinschaften in den Bereichen Friedensf\u00f6rderung und Advocacy und ist Gr\u00fcnderin mehrerer Projekte und Programme. Zudem hat sie die allgemeine Koordination des \u00abCameroon Women&#8217;s Peace Movement\u00bb (CAWOPEM, Friedensbewegung der Frauen in Kamerun) inne, zu der 200 frauengef\u00fchrte zivilgesellschaftliche Organisationen aus allen zehn Regionen Kameruns geh\u00f6ren. 2019 f\u00fchrte die damals 27-j\u00e4hrige eine CAWOPEM-Delegation zu einer Vorkonsultation f\u00fcr die von der Regierung initiierten Friedensgespr\u00e4che \u2013 den \u00abgrossen nationalen Dialog\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wurden Sie durch ein bestimmtes Erlebnis dazu veranlasst, aktiv zu werden?<\/strong><br>Ich stamme aus dieser Region, in der gerade Chaos herrscht. Die T\u00f6tungen, die Entf\u00fchrungen, willk\u00fcrliche Verhaftungen und Zwangsverschleppungen zu Beginn des Konflikts waren ersch\u00fctternd. 2017 wurden dann mehr als 20 D\u00f6rfer in Meme im S\u00fcdwesten niedergebrannt. Ich meldete mich freiwillig bei einer Organisation, um humanit\u00e4re Hilfe zu leisten. Angesichts all dieser Ungerechtigkeit konnte ich nicht unt\u00e4tig bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie reagierte Ihre Familie auf Ihr Engagement?<\/strong><br>Sie sagten, ich w\u00fcrde mein Leben riskieren. Und das stimmt. Als ein Video eines gewissen \u00abCapo Daniel\u00bb kursierte, der mich nach der Ver\u00f6ffentlichung einer von mir mitverfassten Stellungnahme mit einem Aufruf zur Beendigung der Gewalt ins Visier nahm, wurde ich verfolgt und bedroht. Ich konnte nur eines tun: mich zur\u00fcckziehen, bis sich die Situation beruhigt hatte. Mein Aktivismus bringt auch meine Familie \u2013 inklusive meiner Geschwister \u2013 in Gefahr. Wegen der Drohungen und Angriffe musste ich meinen j\u00fcngeren Bruder in eine Schule in einer sichereren Stadt schicken.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welcher Teil Ihrer Arbeit stellt junge Menschen gezielt in den Fokus?<\/strong><br>Wir haben frauen- und jugendfreundliche R\u00e4ume geschaffen, in denen ein inklusiver, lokal verankerter und mitgetragener Frieden gedeihen und gef\u00f6rdert werden kann, der die Eigenheiten der Menschen und des Kontexts ber\u00fccksichtig. Das Projekt \u00abHerPlace\u00bb (IhrPlatz) bezieht Frauen als Friedensf\u00f6rdernde an der Basis mit ein und st\u00e4rkt ihre F\u00e4higkeiten. Durch das von der \u00abWomen\u2019s Alliance for Security Leadership\u00bb ins Leben gerufene Programm \u00abShe Builds Peace\u00bb (Sie f\u00f6rdert Frieden) unterst\u00fctzen wir Organisationen unter der Leitung junger Frauen, indem wir ihnen den Austausch \u00fcber ihre Arbeit mit Partner:innen und potenziellen Geldgeber:innen erm\u00f6glichen. Das j\u00e4hrlich stattfindende Projekt \u00abYouth Champions for Peace\u00bb (Jugendchampions f\u00fcr den Frieden) st\u00e4rkt junge Menschen und bef\u00e4higt sie, Jugendliche \u00fcber Themen wie \u2013 unter anderem \u2013 Drogenmissbrauch sowie die Bek\u00e4mpfung und Pr\u00e4vention von gewaltt\u00e4tigem Extremismus zu unterrichten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie betrifft der Konflikt die jungen Menschen?<\/strong><br>Junge Menschen gelten als Unruhestifter:innen, was zu Unterdr\u00fcckung , Bedrohungen und Verhaftungen f\u00fchrt. Jungen Frauen geht es noch schlechter. Sie werden als Sexsklavinnen missbraucht, vergewaltigt, geschlagen und mit ungewollten Schwangerschaften und Geschlechtskrankheiten alleingelassen. Wegen der Zerst\u00f6rung und Unsicherheit sind viele in sicherere Gegenden geflohen. Unz\u00e4hlige wurden vertrieben und die Armut hat zugenommen. Viele m\u00fcssen sich unter grausamsten Bedingungen alleine durchschlagen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche Rolle spielen junge Menschen bei der Friedensf\u00f6rderung in Kamerun?<\/strong><br>Sie stehen an vorderster Front und prangern Ungerechtigkeiten lautstark an, sie sind in den sozialen Medien aktiv, wo sie die Welt \u00fcber die Situation in Kamerun auf dem Laufenden halten, und sie arbeiten bei Advocacy-Initiativen und -Kampagnen mit. Allerdings stehen sie enormen Herausforderungen gegen\u00fcber: Todesdrohungen, weil die Kriegsparteien sie als Bedrohung sehen; Trolling und Angriffe; Verhaftungen, um sie mundtot zu machen, wenn sie \u00f6ffentlich Missst\u00e4nde aufzeigen; einem erschwerten Zugang zum Hinterland, um dort pr\u00e4sent zu sein; und fehlenden oder eingeschr\u00e4nkten Geldmitteln f\u00fcr Jugendorganisationen, weil sie die oft unrealistischen Erwartungen der Geldgeber:innen nicht erf\u00fcllen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Werden sie von der Regierung und anderen Beh\u00f6rden ernst genommen?<\/strong><br>Trotz all der Arbeit, die junge Menschen leisten, gibt es sie immer noch, die Jugendpolitik als reine Symbolpolitik. Wir bekommen noch immer nicht genug Anerkennung f\u00fcr unsere Teilnahme an zentralen Treffen und Gespr\u00e4chen. Zum Beispiel waren wir letztes Jahr bei den Vorgespr\u00e4chen zwischen der Regierung und den von Kanada unterst\u00fctzten Separatisten vertreten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche Unterst\u00fctzung seitens der internationalen Gemeinschaft ben\u00f6tigen junge Friedensf\u00f6rdernde in Kamerun?<\/strong><br>Sie brauchen sowohl Plattformen, auf denen sie \u00fcber den anhaltenden Konflikt sprechen und ihre Arbeit pr\u00e4sentieren k\u00f6nnen, als auch Mentoring und Lernm\u00f6glichkeiten wie etwa Austauschprogramme. Sie ben\u00f6tigen F\u00f6rdergelder und Anerkennung. Da sie bei der Arbeit mit Gewalt in Ber\u00fchrung kommen, brauchen sie psychologische Unterst\u00fctzung. Sicherheit und Schutz ist ebenso zentral. Wir m\u00fcssen am Leben bleiben, wenn wir diese Arbeit weiterhin leisten wollen. Die meisten von uns sind auf sich gestellt, wenn sie bedroht oder angegriffen werden. Geldgeber:innen und Partner:innen k\u00f6nnen Organisationen f\u00f6rdern, die gef\u00e4hrdete Friedensf\u00f6rdernde unterst\u00fctzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Caryn Dasah ist Jugendleiterin und Aktivistin f\u00fcr soziale Gerechtigkeit und Frieden in einem Land, das einen global wenig beachteten bewaffneten Konflikt erlebt: Die anglophone Krise in Kamerun. 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