{"id":4204,"date":"2024-09-09T08:44:11","date_gmt":"2024-09-09T08:44:11","guid":{"rendered":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/?p=4204"},"modified":"2024-09-09T09:47:05","modified_gmt":"2024-09-09T09:47:05","slug":"kultur-und-religion-schlussel-der-friedensforderung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/4204\/kultur-und-religion-schlussel-der-friedensforderung\/","title":{"rendered":"Kultur und Religion \u2013 Schl\u00fcssel der Friedensf\u00f6rderung"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Was ist Kultur? Ganz einfach: alles, was wir unseren Kindern beibringen. Was und wie wir essen, wie wir uns kleiden, welche Sprache wir sprechen, was wir normal oder merkw\u00fcrdig finden. Im engeren Sinne bezeichnet der Begriff Kultur (nach J. Bolten) das, was wir besonders pflegen und sch\u00e4tzen (z.B. Literatur und Kunst) oder was wir feiern und verehren (Kult, z.B. Starkult oder Gottesdienst). Im weiteren Sinne aber steht sie auch f\u00fcr das, was wir anbauen (Kulturpflanzen) oder f\u00fcr die Art und Weise, wie wir zusammenleben (die Lebenswelt). Denn Kultur umfasst alles, wie Menschen das Leben gestalten.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Damit wird bereits deutlich, dass Kultur in der Friedensf\u00f6rderung eine entscheidende Rolle spielt, ja dass Frieden ohne Kulturbezug schwerlich gef\u00f6rdert werden kann. Kultur spielt dabei eine doppelte Rolle:<\/p>\n\n\n\n<p>Einerseits entz\u00fcnden sich Konflikte teilweise an Kulturunterschieden. Oder kulturelle Unterschiede werden instrumentalisiert, um Konflikte zu befeuern. Immer wieder werden ethnisch-kulturelle Zugeh\u00f6rigkeiten ausgespielt, um Menschen auseinander zu bringen. Nach der hoffnungsvollen Unabh\u00e4ngigkeit des S\u00fcdsudan im Jahr 2011 verunglimpften die Kontrahenten im blutigen Machtkampf die Gruppenzugeh\u00f6rigkeit der gegnerischen Gruppen (Dinka oder Nuer), um ihre eigene Position zu st\u00e4rken. Friedensf\u00f6rderung muss diese Zusammenh\u00e4nge analysieren und ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Andererseits halten Kulturen Mittel bereit, um Konflikte zu \u00fcberwinden. Gemeinsame Normen und Werte (das, was wir f\u00fcr <em>richtig<\/em> und <em>wichtig<\/em> halten) k\u00f6nnen Unterschiede \u00fcberbr\u00fccken. Traditionelle Formen der Konfliktbearbeitung k\u00f6nnen von verschiedenen Gruppen anerkannt werden. Kunst kann Konfliktsituationen reflektieren und zu L\u00f6sungen beitragen. Bei einer Kunstaktion im Irak haben Kinder einen Panzer farbig bemalt und damit ein Symbol geschaffen, das auf Kriegstraumata aufmerksam macht und die Hoffnung auf Frieden st\u00e4rkt. Der indonesische K\u00fcnstler Wisnu Sasongko gibt den Personen in seinen Gem\u00e4lden unterschiedliche Farben, um gegen interreligi\u00f6se Gewalt zu protestieren und f\u00fcr das Zusammenleben in \u00abHarmonie und Diversit\u00e4t\u00bb zu werben. Friedensf\u00f6rderung muss das kulturelle Potential nutzen.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Zusammenhang kommt Religion als Spezialfall von Kultur ins Spiel. Das eben Gesagte gilt besonders f\u00fcr Religion, weil sie nicht nur das menschliche Leben pr\u00e4gt und Zugeh\u00f6rigkeit schafft, sondern mit einem eigenen Wahrheitsanspruch verbunden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Religionen werden in zahlreichen Konflikten als Brandbeschleuniger missbraucht, um Identit\u00e4ten zu verh\u00e4rten (wir sind die Guten), Gegner zu verunglimpfen (die anderen sind die \u00abAchse des B\u00f6sen\u00bb) und Themen zu dramatisieren (es geht um nichts weniger als die Durchsetzung der Wahrheit). So wurden religi\u00f6se St\u00e4tten wie Kirchen oder Moscheen verw\u00fcstet oder heilige B\u00fccher wie der Koran oder die Bibel \u00f6ffentlich verbrannt. In einigen L\u00e4ndern erleben religi\u00f6se Minderheiten Entzug von B\u00fcrgerrechten, Gewalt und Vertreibung. Die Fehlinterpretation von Religion kann in allen Religionsgemeinschaften zu extremistischem Verhalten f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch Religionen haben auch ein besonderes Friedenspotential. Unbestritten ist, dass alle Weltreligionen das Gebot lehren, das Leben zu achten und das eigene Handeln am Wohl der Mitmenschen auszurichten. Doch diese \u00abGoldene Regel\u00bb wird offensichtlich nicht automatisch respektiert. Sie braucht Sensibilisierung, Bildung und Ein\u00fcbung.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass Religionsgemeinschaften in Friedensprozessen tats\u00e4chlich eine besondere Rolle spielen (M. Weingardt), h\u00e4ngt damit zusammen, dass sie oft \u00fcber Generationen hinweg in konfliktbetroffenen Gebieten pr\u00e4sent und in lokale Netzwerke eingebunden sind. Zudem sind sie meist sehr direkt von Konflikten betroffen, weil ihre Mitglieder teilweise sogar zu unterschiedlichen Konfliktparteien geh\u00f6ren. Weil es bei Religionen um pers\u00f6nliche Beziehungen und gegenseitige Hilfe geht, f\u00fchlen sich Religionsgemeinschaften mit den Betroffenen emotional verbunden. Und schliesslich geniessen ihre Repr\u00e4sentant:innen vielerorts einen hohen Vertrauensbonus, im Gegensatz zu politischen Akteur:innen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist der Grund, warum Mission 21 als glaubensbasierte Organisation mit einer mehr als 200-j\u00e4hrigen Geschichte einen besonderen Schwerpunkt auf die Rolle der Religion(en) legt und die \u00abtranskulturelle und interreligi\u00f6se Friedensf\u00f6rderung\u00bb als eines ihrer wichtigsten Themen versteht. In Konflikten entlang eher kultureller Grenzen wie in Kamerun oder im S\u00fcdsudan unterst\u00fctzen wir Partnerkirchen und -organisationen, die manchmal als einzige noch Kontakte zu beiden Seiten haben und sich um Verst\u00e4ndigung bem\u00fchen. In Konflikten entlang eher religi\u00f6ser Grenzen wie in Indonesien oder Nigeria arbeiten wir mit christlichen und muslimischen Organisationen zusammen, um den Frieden zu f\u00f6rdern.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurzfristig geht es in der internationalen Zusammenarbeit darum, den Betroffenen von Konflikten beizustehen: durch Sicherung der Lebensgrundlagen, Nothilfe, Wiederaufbau und Traumabearbeitung. L\u00e4ngerfristig geht es um Mass\u00adnahmen in drei sich erg\u00e4nzenden Bereichen: sich zu begegnen, sich verstehen zu lernen und sich solidarisieren. Die indonesische Partnerorganisation Jakatarub l\u00e4dt regelm\u00e4ssig 50 Jugendliche zu Jugendcamps ein. Immer ein:e Muslim:in und ein:e Christ:in teilen sich ein Doppelzimmer \u2013 oft erst nach anf\u00e4nglichen Protesten. W\u00e4hrend sie sonst in verschiedenen Stadtvierteln oder Landesteilen wohnen und sich kaum begegnen w\u00fcrden, lernen sie hier zum ersten Mal Angeh\u00f6rige einer anderen Religion pers\u00f6nlich kennen. In der kurzen Zeit eines Wochenendes l\u00f6sen sich viele Vorurteile auf, teilweise entstehen sogar dauerhafte Freundschaften.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Jugendbotschaftsprogramm von Mission 21 begegnen sich junge Erwachsene aus verschiedenen Kontinenten und tauschen sich intensiv \u00fcber ihre kulturellen Pr\u00e4gungen aus. Sie arbeiten gemeinsam an gesellschaftlichen und pers\u00f6nlichen Themen und lernen einander (und sich selbst) besser zu verstehen. Einige von ihnen berichten in dieser Ausgabe, was das f\u00fcr sie bedeutet.<\/p>\n\n\n\n<p>Kultur in der Friedensf\u00f6rderung zu ber\u00fccksichtigen und zu nutzen, ist keineswegs selbstverst\u00e4ndlich. Oft wurden Kulturen und Religionen verd\u00e4chtigt, mit ihren Unterschieden den Frieden eher zu st\u00f6ren als zu f\u00f6rdern. Oft erschienen externe, vermeintlich neutrale Friedensl\u00f6sungen einfacher und effektiver. Aber das Bewusstsein w\u00e4chst, dass Frieden nur mit Bezug zu Kultur und Religion gef\u00f6rdert werden kann. Sich mit kulturellen Gegebenheiten zu besch\u00e4ftigen und religi\u00f6se Pr\u00e4gungen ernst zu nehmen, ist eine anspruchsvolle und langwierige Arbeit. Sie erfordert, lokale Akteur:innen massgeblich einzubeziehen. Wir sehen darin ein grosses Lernfeld, das wir als internationale Lerngemeinschaft erforschen und entwickeln wollen. Dazu soll auch das <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.mission-21.org\/internationales-forum-2024\/\" target=\"_blank\"><em>International Forum<\/em> \u00abDaring Reconciliation?!\u00bb<\/a> dienen, das im September online stattfinden wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist Kultur? Ganz einfach: alles, was wir unseren Kindern beibringen. Was und wie wir essen, wie wir uns kleiden, welche Sprache wir sprechen, was wir normal oder merkw\u00fcrdig finden. Im engeren Sinne bezeichnet der Begriff Kultur (nach J. Bolten) das, was wir besonders pflegen und sch\u00e4tzen (z.B. 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