{"id":4727,"date":"2024-12-18T09:43:25","date_gmt":"2024-12-18T09:43:25","guid":{"rendered":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/?p=4727"},"modified":"2025-02-03T12:55:15","modified_gmt":"2025-02-03T12:55:15","slug":"interview-das-zusammenspiel-von-kultur-und-gender-dynamik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/4727\/interview-das-zusammenspiel-von-kultur-und-gender-dynamik\/","title":{"rendered":"Interview \u2013 Das Zusammenspiel von Kultur und Gender-Dynamik"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Ein Interview mit Luis Franc\u00e9s, venezolanischer Friedens- und Genderexperte mit langj\u00e4hriger Erfahrung im humanit\u00e4ren, sozialen und diplomatischen Bereich, gef\u00fchrt von Dr. Gal Harmat, Senior Fellow, swisspeace.&nbsp; <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Luis Franc\u00e9s verf\u00fcgt \u00fcber umfangreiche Erfahrung im Einsatz f\u00fcr vulnerable Bev\u00f6lkerungsgruppen, darunter indigene Gemeinschaften in Venezuela. Durch seinen Aktivismus und seine angewandte Gender-Forschung besch\u00e4ftigt er sich mit der Wechselwirkung zwischen Kultur und Gender-Dynamik. Er demonstriert, wie Menschen mit unterschiedlichen Hintergr\u00fcnden ihre Ideen zu Kultur, Gender und Frieden in praktische und wirkungsvolle Initiativen umsetzen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie haben traditionelle Geschlechterrollen die politische und soziale Beteiligung von Frauen in der Friedensf\u00f6rderung und Konfliktl\u00f6sung <strong>in Lateinamerika<\/strong><\/strong> <strong>beeinflusst?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Traditionelle, weitgehend westlich gepr\u00e4gte Geschlechterrollen haben die politische und soziale Teilhabe von Frauen in Lateinamerika historisch eingeschr\u00e4nkt, wobei der Widerstand in den einzelnen L\u00e4ndern unterschiedlich stark war. Faktoren wie die sozialen Systeme der pr\u00e4kolumbianischen indigenen Gemeinschaften, die patriarchale spanische und portugiesische Ordnung und die gesellschaftlichen Auswirkungen der Unabh\u00e4ngigkeitskriege trugen alle zu dieser Einschr\u00e4nkung bei. Dennoch hat die Beteiligung von Frauen an Initiativen zur Friedensf\u00f6rderung und Konfliktl\u00f6sung zugenommen. So spielten die kolumbianischen Frauen beispielsweise eine zentrale Rolle im Kolumbiens Friedensabkommen von 2016, in das rund 122 Massnahmen f\u00fcr Frauen und M\u00e4dchen aufgenommen wurden. So spielten die kolumbianischen Frauen beispielsweise eine zentrale Rolle im Kolumbiens Friedensabkommen von 2016, in dem rund 122 Massnahmen f\u00fcr Frauen und M\u00e4dchen aufgenommen wurden. Trotz dieser Fortschritte bleibt die Umsetzung begrenzt, da Berichten zufolge weniger als 13 % der Massnahmen vollst\u00e4ndig umgesetzt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie beeinflussen geschlechtsspezifische Erwartungen die Reaktionen von Regierungen und Institutionen auf geschlechtsspezifische Gewalt (GBV) in Konfliktperioden in Lateinamerika?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Geschlechtsspezifische Erwartungen in Konflikt- und Krisenzeiten f\u00fchren oft zu unzureichenden Massnahmen gegen GBV, insbesondere wenn Frauen von Entscheidungsprozessen und Politikgestaltung ausgeschlossen sind. Dies kann dazu f\u00fchren, dass traditionellen Sicherheitsmassnahmen Vorrang vor einer umfassenden Reaktion auf GBV einger\u00e4umt wird. Im guatemaltekischen Friedensabkommen von 1996 zum Beispiel war die Einrichtung eines formellen Frauenkonsultationsgremiums von grundlegender Bedeutung f\u00fcr die Umsetzung der 28 Verpflichtungen, die sich auf die Rechte von Frauen und indigenen Frauen konzentrierten. Langfristige Fortschritte sind jedoch nur langsam zu verzeichnen, und die guatemaltekischen Frauen k\u00e4mpfen weiterhin f\u00fcr ihre Rechte und ihre Beteiligung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie wirken sich kulturelle M\u00e4nnlichkeitsvorstellungen auf Konfliktdynamiken und die Friedensf\u00f6rderung in Venezuela aus?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Kulturelle Vorstellungen von M\u00e4nnlichkeit, die Kontrolle und Dominanz betonen, tendieren dazu, Konfliktdynamiken zu verst\u00e4rken. In Venezuela wird dies deutlich, wenn man die Eskalation der Gewalt und die Freund-Feind-Rhetorik im Zusammenhang mit der multifaktoriellen Krise des Landes analysiert. Initiativen wie \u00abFrauen f\u00fcr Dialog und Frieden in Venezuela\u00bb und die von der feministischen NGO Cauce geleitete Agenda \u00abVon Partner:innen im Konflikt zu Partner:innen im Frieden\u00bb bringen Frauen aus dem gesamten politischen Spektrum Venezuelas zusammen, um sich f\u00fcr die Inklusion von Frauen und geschlechtergerechte Dialoge als L\u00f6sungen f\u00fcr die Krise in Venezuela einzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Inwieweit stellen Frauenorganisationen in Lateinamerika patriarchale Systeme in Friedensprozessen in Frage und wie erfolgreich sind sie dabei?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Erfolg ist von Land zu Land unterschiedlich, aber obwohl ich einige Fortschritte feststelle, denke ich, dass noch ein langer Weg vor uns liegt. Ein gleichberechtigter Dialog zwischen den Geschlechtern ist nach wie vor unerl\u00e4sslich, um sicherzustellen, dass Genderfragen nicht l\u00e4nger mit Frauenfragen vermischt werden. Diese Dialoge sollten auch dazu beitragen, die lateinamerikanischen M\u00e4nner einzubeziehen und sie zu ermutigen, ihre Geschlechterrollen und Erwartungen zu \u00fcberdenken.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie hinterfragt oder verst\u00e4rkt die Kunst in Venezuela traditionelle Geschlechternormen und -stereotype im Kontext politischer oder sozialer Konflikte?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Street-Art in Venezuela dient oft als Plattform, um traditionelle Geschlechternormen in Frage zu stellen und politische Botschaften zu vermitteln. Im Zusammenhang mit den Protesten in den Jahren 2014, 2017 und 2018 malten Street-Art-Gruppen Wandbilder, auf denen Frauen als aktive Anf\u00fchrerinnen von Widerstandsbewegungen und nicht als passive Opfer dargestellt wurden und stellte die typische Darstellung von Frauen als m\u00fctterliche Figuren, die im Kontext gewaltt\u00e4tiger Proteste f\u00fcr die Opfer leiden, in Frage. In geringerem Ausmass stellte diese Street-Art auch LGBTQI+ Personen in Widerstandsbewegungen dar. Heute sind fast alle dieser Wandmalereien verschwunden oder wurden nach dem Ende der Proteste absichtlich entfernt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche Rolle spielt die Kunst in der kollektiven Erinnerung an geschlechtsspezifische Gewalt in Venezuela und wie unterst\u00fctzt oder behindert sie die Friedensf\u00f6rderung?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Kunst wie Theater und szenische Kunst spielen eine zentrale Rolle bei der Bewahrung der kollektiven Erinnerung an geschlechtsspezifische Gewalt in Venezuela. In den letzten zehn Jahren haben alternative und kollektive Theatergruppen Theaterauff\u00fchrungen genutzt, um geschlechtsspezifische Gewalt und Femizid zu kritisieren und die \u00d6ffentlichkeit daf\u00fcr zu sensibilisieren. Dabei wurde h\u00e4ufig die Perspektive der betroffenen Frauen eingenommen. Unter Vermeidung einer Verharmlosung oder einer Reviktimisierung der Betroffenen setzen sich diese k\u00fcnstlerischen Ans\u00e4tze auf bewegende Weise mit dem Thema auseinander und regen zum Nachdenken an. In einem hoch politisierten Kontext wie in Venezuela stellen diese Theaterarbeiten einen kreativen, intelligenten und manchmal kontroversen Weg dar, um f\u00fcr die Beseitigung geschlechtsspezifischer Gewalt einzutreten und das Bewusstsein der Zuschauer:innen zu sch\u00e4rfen.&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Interview mit Luis Franc\u00e9s, venezolanischer Friedens- und Genderexperte mit langj\u00e4hriger Erfahrung im humanit\u00e4ren, sozialen und diplomatischen Bereich, gef\u00fchrt von Dr. Gal Harmat, Senior Fellow, swisspeace.&nbsp; Luis Franc\u00e9s verf\u00fcgt \u00fcber umfangreiche Erfahrung im Einsatz f\u00fcr vulnerable Bev\u00f6lkerungsgruppen, darunter indigene Gemeinschaften in Venezuela. 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