{"id":5007,"date":"2025-03-25T06:51:49","date_gmt":"2025-03-25T06:51:49","guid":{"rendered":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/?p=5007"},"modified":"2025-03-25T06:51:49","modified_gmt":"2025-03-25T06:51:49","slug":"westsahara-die-letzte-kolonie-in-afrika","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/5007\/westsahara-die-letzte-kolonie-in-afrika\/","title":{"rendered":"Westsahara \u2013 die letzte Kolonie in Afrika"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Die Frustration der sahrauischen Bev\u00f6lkerung w\u00e4chst. Sie leben seit 1975 unter schwierigen Bedingungen in Fl\u00fcchtlingslagern in der W\u00fcste oder unter massiven Repressionen im besetzten Gebiet. W\u00e4hrenddessen spielt die Besatzungsmacht Marokko geopolitische Interessen aus. Der Kolonialkonflikt um die Westsahara ist noch immer ungel\u00f6st.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auf den meisten Landkarten ist er eingezeichnet, auf manchen nicht. Je nach Wissensstand und Interessenlage: der seit 1975 von Marokko besetzte Teil der Westsahara an der afrikanischen Atlantikk\u00fcste. Die ehemalige spanische Kolonie hat bei den Vereinten Nationen den Status eines nicht selbstverwalteten Gebietes (Non-Self-Governing Territory), in dem der Dekolonialisierungsprozess nicht abgeschlossen wurde. Sie gilt deshalb als die letzte Kolonie in Afrika. Ein 1991 im Rahmen eines Waffenstillstandsabkommens vereinbartes Referendum \u00fcber die Selbstbestimmung der Westsahara wurde bis heute nicht abgehalten. Seit damals ist dort die UNO-Friedenstruppe MINURSO stationiert. Der Sicherheitsrat, dem die L\u00f6sung des Konflikts obliegt, verl\u00e4ngert ihr Mandat jeweils im Herbst um ein Jahr, ist aber bis jetzt in dem Fall nicht weitergekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden anderen Gebiete der Westsahara bestehen aus f\u00fcnf Fl\u00fcchtlingslagern in der algerischen W\u00fcste, wohin die Menschen 1975 vor der marokkanischen Invasion flohen, und dem befreiten Gebiet, einem schmalen, kargen Landstreifen. Dieses wird von der besetzten Westsahara durch einen 2&#8217;700 km langen Sandwall und mehrere Millionen Landminen getrennt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist kompliziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies mag mit ein Grund daf\u00fcr sein, dass die Westsahara nur noch wenig Aufmerksamkeit bekommt. Zudem richtet sich das internationale Interesse naturgem\u00e4ss auf brennendere, neuere Konflikte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Rigorose Abschirmung<\/strong><br>Mitverantwortlich d\u00fcrfte aber auch die erfolgreiche Lobbyarbeit der Besatzungsmacht sein. Marokko, eher als Urlaubsland denn als Konfliktregion bekannt, macht seit einigen Jahren als Champion f\u00fcr erneuerbare Energien von sich reden. Wobei der Grossteil der Projekte bezeichnenderweise im Gebiet der Westsahara liegt. W\u00e4hrend Kitesurfer:innen dort willkommen sind, ist das Gebiet f\u00fcr Medienschaffende und Menschenrechtsbeobachter:innen nicht zug\u00e4nglich. Seit 2014 wurden rund 300 Personen aus der besetzten Westsahara ausgewiesen, darunter acht EU-Parlamentarier:innen, die sich selbst ein Bild der Menschenrechtslage machen wollten. Mehrere internationale Organisationen sind im Gebiet verboten, darunter Amnesty International und Human Rights Watch. Die besetzte Westsahara wird medial rigoros abgeschirmt. Die Menschenrechtslage f\u00fcr politisch aktive Sahrauis ist fatal.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Europas Angst vor Migrant:innen<\/strong><br>Marokko spielt derweil die geopolitischen Interessen vor allem Europas hemmungslos aus. Die Angst vor Migrant:innen ist inzwischen die st\u00e4rkste Waffe Marokkos, um sich die Unterst\u00fctzung der europ\u00e4ischen L\u00e4nder in der Westsahara-Frage zu sichern. Zu den Momenten, in denen die Westsahara garantiert in den Medien auftaucht, geh\u00f6ren jene, in denen Marokko die Grenzkontrollen zu den spanischen Exklaven Ceuta und Melilla aussetzt. Das K\u00f6nigreich hat dies in den letzten Jahren wiederholt getan, wenn es sich \u00fcber die EU oder ein europ\u00e4isches Land erz\u00fcrnte, das sich in der Westsahara-Frage nicht wie gew\u00fcnscht verhielt. Mit solchen Coups, die es bis in die Publikumsmedien schaffen, wird die Interessenlage unmissverst\u00e4ndlich gekl\u00e4rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das zweite wichtige Lobbyelement Marokkos neben der Migrationsthematik sind wirtschaftliche Beziehungen. Das Land bietet sich als stabiler Wirtschaftspartner in Nordafrika an und wirbt bei ausl\u00e4ndischen Unternehmen mit Investitionsm\u00f6glichkeiten. So sichert sich Marokko die Unterst\u00fctzung wirtschaftsfreundlicher Kreise und schafft durch infrastrukturelle und wirtschaftliche Verflechtungen Fakten vor Ort.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wachsende Frustration der Sahrauis<\/strong><br>terre des hommes schweiz unterst\u00fctzt in einem der Fl\u00fcchtlingslager ein Sozialprojekt f\u00fcr Jugendliche. Die Frustration \u00fcber die mangelnde Aufmerksamkeit der Weltgemeinschaft wird vor allem unter den jungen Sahrauis immer gr\u00f6sser. In den Fl\u00fcchtlingslagern, in denen die Menschen auf internationale Hilfe angewiesen sind, verschlechtert sich die humanit\u00e4re Situation. Das Weltern\u00e4hrungsprogramm ist chronisch unterfinanziert, und durch die Klimaerw\u00e4rmung steigen die Temperaturen im Sommer inzwischen auf 50 Grad, w\u00e4hrend saisonale Regenf\u00e4lle zu \u00dcberschwemmungen f\u00fchren. Mit der Perspektivlosigkeit der jungen Menschen w\u00e4chst die Gefahr der Radikalisierung. Warten im Sand. Sie sind es leid.<br>Im besetzten Gebiet arbeitet die Zeit zugunsten der marokkanischen Konfliktpartei. Die seit Jahrzehnten betriebene Siedlungspolitik f\u00fchrt zu einem demographischen Wandel. In einem Urteil des Europ\u00e4ischen Gerichtshofs zu den Vertr\u00e4gen zwischen Marokko und der EU von 2024 wird der Anteil der Menschen saharauischer Herkunft noch auf lediglich 25 Prozent gesch\u00e4tzt. Dies macht auch die Durchf\u00fchrung des 1991 vereinbarten Selbstbestimmungsreferendums immer schwieriger. Offizieller Streitpunkt war von Anfang an die Frage, wer abstimmungsberechtigt ist. Wobei Marokko inzwischen offen sagt, der Westsahara h\u00f6chstens einen Autonomiestatus im Rahmen des marokkanischen K\u00f6nigreichs gew\u00e4hren zu wollen. Dies widerspricht dem v\u00f6lkerrechtlich verankerten Prinzip des Selbstbestimmungsrechts und wird von der Frente Polisario, der Vertretung der sahrauischen Bev\u00f6lkerung, kategorisch abgelehnt. F\u00fcr die Menschenrechtsaktivist:nnen und sahrauischen Journalist:innen, die im besetzten Gebiet massiven Restriktionen und Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt sind, ist die mangelnde internationale Aufmerksamkeit bitter.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Chancen f\u00fcr Advocacy-Arbeit<\/strong><br>Das oben genannte Bestreben Marokkos um wirtschaftliche Verbindungen mit europ\u00e4ischen L\u00e4ndern bietet jedoch auch Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr Advocacy-Arbeit f\u00fcr die Westsahara und f\u00fcr die Schaffung von Aufmerksamkeit f\u00fcr den ungel\u00f6sten Konflikt. Nach internationalem Recht ist die Ausbeutung von Ressourcen in einem nicht selbstverwalteten Gebiet nur mit dem Einverst\u00e4ndnis der betroffenen Bev\u00f6lkerung erlaubt. Urteile des Europ\u00e4ischen Gerichtshofs kommen seit etlichen Jahren immer wieder zu dem Schluss, dass die Westsahara nicht in Vertr\u00e4ge zwischen Marokko und der EU einbezogen werden kann, da sie rechtlich gesehen eine Drittpartei ist. terre des hommes schweiz nutzt diesen Zugang zur Advocacy-Arbeit seit vielen Jahren. In Zusammenarbeit mit einem internationalen Netzwerk machen wir Firmen und Investoren, aber auch Schweizer Beh\u00f6rden darauf aufmerksam, dass wirtschaftliche Aktivit\u00e4ten in der besetzten Westsahara nicht nur ethisch fragw\u00fcrdig, sondern auch rechtlich problematisch sind. In Zusammenarbeit mit einem internationalen Netzwerk machen wir Firmen und Investoren, aber auch Schweizer Beh\u00f6rden darauf aufmerksam, dass wirtschaftliche Aktivit\u00e4ten in der besetzten Westsahara nicht nur ethisch fragw\u00fcrdig, sondern auch rechtlich problematisch sind. Damit erreichen wir ein anderes Publikum und setzen uns gleichzeitig daf\u00fcr ein, dass der Status quo des ungel\u00f6sten Kolonialkonflikts durch die Fakten vor Ort nicht weiter zementiert wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Frustration der sahrauischen Bev\u00f6lkerung w\u00e4chst. Sie leben seit 1975 unter schwierigen Bedingungen in Fl\u00fcchtlingslagern in der W\u00fcste oder unter massiven Repressionen im besetzten Gebiet. W\u00e4hrenddessen spielt die Besatzungsmacht Marokko geopolitische Interessen aus. Der Kolonialkonflikt um die Westsahara ist noch immer ungel\u00f6st. Auf den meisten Landkarten ist er eingezeichnet, auf manchen nicht. Je nach Wissensstand <a href=\"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/5007\/westsahara-die-letzte-kolonie-in-afrika\/\" class=\"more-link\">&#8230;<span class=\"screen-reader-text\">  Westsahara \u2013 die letzte Kolonie in Afrika<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":5005,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"advgb_blocks_editor_width":"","advgb_blocks_columns_visual_guide":""},"categories":[91],"tags":[],"issue":[354],"acf":[],"author_meta":{"display_name":"\u00e0 propos","author_link":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/author\/apropos\/"},"featured_img":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/16-scaled-1-600x333.jpg","coauthors":[],"tax_additional":{"categories":{"linked":["<a href=\"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/category\/focus-de\/\" class=\"advgb-post-tax-term\">Schwerpunkt<\/a>"],"unlinked":["<span class=\"advgb-post-tax-term\">Schwerpunkt<\/span>"]}},"comment_count":0,"relative_dates":{"created":"Posted 1 year ago","modified":"Updated 1 year ago"},"absolute_dates":{"created":"Posted on March 25, 2025","modified":"Updated on March 25, 2025"},"absolute_dates_time":{"created":"Posted on March 25, 2025 6:51 am","modified":"Updated on March 25, 2025 6:51 am"},"featured_img_caption":"","series_order":null,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5007"}],"collection":[{"href":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5007"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5007\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5351,"href":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5007\/revisions\/5351"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5005"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5007"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5007"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5007"},{"taxonomy":"issue","embeddable":true,"href":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/wp-json\/wp\/v2\/issue?post=5007"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}