{"id":6089,"date":"2025-10-02T15:54:50","date_gmt":"2025-10-02T15:54:50","guid":{"rendered":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/?p=6089"},"modified":"2025-10-02T15:54:50","modified_gmt":"2025-10-02T15:54:50","slug":"soziale-krisen-die-politik-des-gehoertwerdens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/6089\/soziale-krisen-die-politik-des-gehoertwerdens\/","title":{"rendered":"Soziale Krisen \u2013 Die Politik des Geh\u00f6rtwerdens"},"content":{"rendered":"\n<p>Gesellschaftliche Krisen k\u00f6nnen Vertrauen in Institutionen untergraben, soziale Spaltungen und Konflikte verst\u00e4rken und Gef\u00fchle der Ohnmacht f\u00f6rdern. Sie er\u00f6ffnen aber auch Chancen f\u00fcr neue Formen des Miteinanders. Mit dieser Annahme initiierte der Luzerner Verein \u00abZwischent\u00f6ne \u2013 Lernen aus Krisen\u00bb einen biographischen und partizipativen Prozess: Rund 70 Menschen teilten und dokumentierten ihre pers\u00f6nlichen Erfahrungen mit gesellschaftlichen Krisen wie z.B. Corona, Klimawandel, Diskriminierung und Gewalt. Dabei ging es vor allem darum, Geschichten von Menschen zu dokumentieren, die oft wenig wahrgenommen werden, wie zum Beispiel Gefl\u00fcchtete, Armutsbetroffene, Jugendliche und Menschen mit Beeintr\u00e4chtigungen. Ziel war es, die \u00abPolitik des Geh\u00f6rtwerdens\u00bb als Ressource f\u00fcr gesellschaftliche Resilienz zu erproben.<br><br><strong>Biographischer Ansatz und Partizipation<\/strong><br>In der internationalen Friedensf\u00f6rderung gilt das Erz\u00e4hlen von Lebensgeschichten als Ressource f\u00fcr Sinnstiftung, Empathie und pers\u00f6nliche und gesellschaftliche Verarbeitung traumatischer Erfahrungen. Es kann Br\u00fccken zwischen unterschiedlichen Gruppen schlagen und neue Kommunikationsr\u00e4ume er\u00f6ffnen. Partizipative Verfahren f\u00f6rdern Eigenverantwortung, Resilienz und Handlungsf\u00e4higkeit. Zwischent\u00f6ne verbindet diese beiden Dimensionen und schafft dadurch Resonanzr\u00e4ume, die individuelle Betroffenheiten mit gesellschaftspolitischen Dynamiken verkn\u00fcpfen.<br><br><strong>F\u00fcnf zentrale Erkenntnisse:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ol>\n<li><strong>W\u00fcrdigung von Erfahrungen<\/strong>. In Krisen dominieren oft die lautesten Stimmen; differenzierte Perspektiven \u2013 insbesondere marginalisierter Gruppen \u2013 sind selten zu h\u00f6ren. Zwischent\u00f6ne dokumentierte diese Stimmen und machte sie \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich. Wie z.B. die von Jahn Graf, Verantwortlicher Inklusion beim Kleintheater Luzern, Aktivist, Moderator, Podcaster: \u00abEs gibt diesen bekannten Satz: \u00abMan erkennt die St\u00e4rke einer Gesellschaft daran, wie sie mit Randgruppen umgeht.\u00bb Ich w\u00fcrde hinzuf\u00fcgen: \u00ab\u2026 im Krisenfall.\u00bb Im Normalzustand sind wir zwar nicht gewollt, aber akzeptiert. In Krisen sind wir gar niemand. Vor der n\u00e4chsten grossen Krise m\u00fcssen wir lernen, dass nur eine diverse Gesellschaft stark ist. Wir m\u00fcssen alle am grossen Tisch sein, um L\u00f6sungen zu pr\u00e4sentieren.\u00bb<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Bed\u00fcrfnis nach Verstandenwerden<\/strong>. Viele Erz\u00e4hler:innen berichteten von wiederholtem Nicht-Geh\u00f6rtwerden. Diese Unsichtbarkeit schw\u00e4cht Vertrauen in Demokratie und f\u00fchrt zu R\u00fcckzug. Niedrigschwellige Dialogformate k\u00f6nnen hier Resonanz schaffen, wenn aufrichtige Empathie, Offenheit und Interesse am Gegen\u00fcber sp\u00fcrbar ist. Wie Somi erl\u00e4utert: \u00abViele Schweizer:innen denken: Fl\u00fcchtlinge kommen hierher, sie bekommen Geld, bekommen alles und sie machen nichts. Aber das stimmt nicht. Wir versuchen immer alles: Wie k\u00f6nnen wir uns integrieren? Wie k\u00f6nnen wir einen guten Job finden?\u00bb<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Menschen in ihren Lebenswelten erreichen<\/strong>. Wirksam sind partizipative Prozesse nur, wenn sie an vertrauten Orten stattfinden. Bibliotheken, Pfarreien oder Treffpunkte f\u00fcr Gefl\u00fcchtete erwiesen sich als Schl\u00fcssel. Jugendliche hingegen blieben schwer erreichbar. R\u00fcckblickend lag das wohl nicht nur an der Kommunikation, sondern auch an der fehlenden Pr\u00e4senz junger Menschen in der Projektf\u00fchrung \u2013 Personen, die glaubw\u00fcrdig h\u00e4tten vermitteln k\u00f6nnen.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Verbindung von Erfahrung und Politik<\/strong>. Krisenbearbeitung erfordert eine wechselseitige \u00d6ffnung: Politik sollte menschlicher und verletzlicher sichtbar werden, w\u00e4hrend B\u00fcrger:innen Verantwortung f\u00fcr Mitgestaltung \u00fcbernehmen m\u00fcssen. Unsere eigenen Begegnungen mit Parlamentarier:innen zeigten, dass Dialog auf Augenh\u00f6he m\u00f6glich ist.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Allianzen \u00fcber Diskriminierungsformen hinweg<\/strong>. Zwischent\u00f6ne f\u00fchrte Stimmen unterschiedlicher marginalisierter Gruppen zusammen. Das gemeinsame Sichtbarmachen \u00fcberlappender Erfahrungen er\u00f6ffnet neue M\u00f6glichkeiten solidarischer Allianzbildung.<br><\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p><strong>Ausblick<\/strong><br>Biographische Erz\u00e4hlr\u00e4ume sollten systematisch in Krisen- und Dialogstrategien in der Schweiz integriert werden. Sie sind Werkzeuge der Krisen- und Konfliktverarbeitung und tragen zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei. In einem n\u00e4chsten Schritt entwickelt Zwischent\u00f6ne gemeinsam mit Beh\u00f6rden einen Prototyp f\u00fcr partizipatives Krisenmanagement auf Gemeinde- und Kantonsebene.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gesellschaftliche Krisen k\u00f6nnen Vertrauen in Institutionen untergraben, soziale Spaltungen und Konflikte verst\u00e4rken und Gef\u00fchle der Ohnmacht f\u00f6rdern. Sie er\u00f6ffnen aber auch Chancen f\u00fcr neue Formen des Miteinanders. 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