{"id":6507,"date":"2025-12-16T09:09:41","date_gmt":"2025-12-16T09:09:41","guid":{"rendered":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/?p=6507"},"modified":"2025-12-16T09:34:22","modified_gmt":"2025-12-16T09:34:22","slug":"die-arbeit-in-autoritaren-kontexten-erkenntnisse-und-ausblick","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/6507\/die-arbeit-in-autoritaren-kontexten-erkenntnisse-und-ausblick\/","title":{"rendered":"Die Arbeit in autorit\u00e4ren Kontexten \u2013 Erkenntnisse und Ausblick der DEZA"},"content":{"rendered":"\n<p>Internationale Zusammenarbeit in autorit\u00e4ren Kontexten ist heute Normalit\u00e4t. Analog zur globalen Ausbreitung des Autoritarismus gingen im Jahr 2019 in der \u00f6ffentlichen Entwicklungshilfe fast 8 von 10&nbsp;US-Dollar an autokratische Regime (<a href=\"https:\/\/www.oecd.org\/content\/dam\/oecd\/en\/publications\/reports\/2022\/07\/official-development-assistance-by-regime-context-2010-19_83e3816c\/57ab4100-en.pdf\"><u>OECD<\/u><\/a>, nur auf Englisch). Diese Tendenz hat sich offenbar noch verst\u00e4rkt: 2024 gab es erstmals seit 20 Jahren wieder mehr Autokratien als Demokratien (<a href=\"https:\/\/www.v-dem.net\/documents\/61\/v-dem-dr__2025_lowres_v2.pdf\"><u>V-Dem 2025<\/u><\/a>, nur auf Englisch).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Arbeit in diesen Kontexten f\u00fchrt zwangsl\u00e4ufig zu Dilemmata und erfordert Kompromisse. Wie erf\u00fcllen wir unsere Mandate, ohne den Eindruck zu erwecken, wir w\u00fcrden demokratiefeindliche Regierungen legitimieren? Wie unterst\u00fctzen wir die lokale Zivilgesellschaft, ohne sie zu \u00fcberfordern oder zu gef\u00e4hrden? Und wie sorgen wir f\u00fcr nachhaltige Eins\u00e4tze, ohne Parallelstrukturen und neue Abh\u00e4ngigkeiten zu schaffen?<\/p>\n\n\n\n<p>Angesichts der zunehmenden Zahl von Partnerl\u00e4ndern mit geschw\u00e4chter Demokratie hat die Schweizer Direktion f\u00fcr Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) 2019 einen Learning Journey zur Arbeit in autorit\u00e4ren Kontexten lanciert. Der Prozess umfasst Erfahrungen weltweiter Kooperationsb\u00fcros, eigene <a href=\"https:\/\/www.sdc-pge.ch\/en\/democratic-governance\"><u>Forschung<\/u><\/a> (nur auf Englisch) der DEZA und entsprechende Positionspapiere (zum Beispiel <a href=\"https:\/\/www.wfd.org\/sites\/default\/files\/2023-02\/how_not_to_engage_with_authoritarian_states_wfd_cheeseman_desrosiers_2023.pdf\"><u>Cheeseman und Derosiers, 2023<\/u><\/a>, nur auf Englisch). Diese sind daraufhin in den globalen politischen Diskurs eingeflossen, insbesondere im OECD-Ausschuss f\u00fcr Entwicklungshilfe.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Differenzierte Betrachtung von Autoritarismus<\/strong><br>Autoritarismus ist nicht gleich Autoritarismus. <a href=\"https:\/\/www.sdc-pge.ch\/dam\/en\/sd-web\/5OSjuoFgQCD2\/PGE-Governance-AuthoritarianContextPolicyNote-SDC-2022_EN.pdf\"><u>Regimeklassifizierungen<\/u><\/a> (nur auf Englisch) liefern zwar eine Vergleichsbasis, doch muss zum vollst\u00e4ndigen Verst\u00e4ndnis auch die Machtverteilung betrachtet werden, sowohl innerhalb des Regimes als auch zwischen Regierungen und anderen Akteuren in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. <a href=\"https:\/\/www.sdc-pge.ch\/dam\/en\/sd-web\/UkD2BRbtvQm4\/PGE-Governance-AuthoritarianDevelopmentSynthesis-SDC-2021_EN.pdf\"><u>Entwicklungsorientierte autorit\u00e4re Staaten<\/u><\/a> (nur auf Englisch) mit hoher Leistungsf\u00e4higkeit stellen andere Herausforderungen dar als fragilere Regime mit fragmentierten Eliten oder begrenzten Kapazit\u00e4ten zum Erzielen von Entwicklungsergebnissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterschiede liegen auch darin, wie Autoritarismus entsteht. Pl\u00f6tzliche, verfassungswidrige Regierungswechsel (etwa durch einen Putsch) ziehen oft internationale Aufmerksamkeit auf sich und erzeugen Druck. Einerseits erlauben solche Trigger ein schnelles, koordiniertes Handeln. Andererseits bergen sie das Risiko rein symbolischer Massnahmen zur Beschwichtigung lokaler Zielgruppen, deren Langzeitnutzen mitunter fragw\u00fcrdig ist. Eine sukzessive Aush\u00f6hlung der Demokratie geht dagegen eher unbemerkt vonstatten, kann aber ebenso zerst\u00f6rerisch sein. Beide Entwicklungen gehen oft Hand in Hand mit R\u00fcckschritten in der <a href=\"https:\/\/www.swisspeace.ch\/assets\/publications\/downloads\/Gender-and-Rising-Authoritarianism_SDC.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Geschlechtergleichstellung<\/a>, etwa wenn gesetzliche Fortschritte im Bereich sexueller und reproduktiver Rechte wieder aufgehoben werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Reaktionen der DEZA<\/strong><br>W\u00e4hrend sich manche Geldgeber bei autorit\u00e4ren Umbr\u00fcchen komplett zur\u00fcckziehen, hat die DEZA die Erfahrung gemacht, dass eine anhaltende und anpassungsf\u00e4hige Pr\u00e4senz f\u00fcr Glaubw\u00fcrdigkeit, f\u00fcr Vertrauen bei den Partnern vor Ort und letzten Endes f\u00fcr langfristige Entwicklungsfortschritte sorgt.<\/p>\n\n\n\n<p>So unterschiedlich wie die Entstehung von Autoritarismus m\u00fcssen auch unsere Reaktionen sein. Bei langsamen R\u00fcckschritten hat die Schweiz bisher ihre internationale Zusammenarbeit nach und nach angepasst und Regierungspartnerschaften \u00fcberpr\u00fcft, jedoch nicht abgebrochen. Die Arbeit beschr\u00e4nkte sich dann auf politisch weniger exponierte, technische oder lokale Eins\u00e4tze mit anderen Partnern, wie ZGOs, Wirtschaftsunternehmen und unabh\u00e4ngigen Medien. Pl\u00f6tzliche Umst\u00fcrze f\u00fchrten dagegen zu entschlossenem Handeln: Programme mit zentralen Beh\u00f6rden wurden eingefroren oder reduziert und Portfolios neu verhandelt, um eine direkte staatliche Verwaltung der Mittel zu unterbinden. Gleichzeitig wurde die Zusammenarbeit mit multilateralen und nichtstaatlichen Akteuren trotz Restriktionen vertieft. In beiden F\u00e4llen ist eine enge Abstimmung mit Botschaften, anderen Geldgebern und lokalen Partnern n\u00f6tig, um den Kontext neu zu bewerten und das fortgesetzte Engagement plausibel zu begr\u00fcnden. Solche Handlungsprinzipien bilden die Basis f\u00fcr eine einheitliche Kommunikation unter allen Akteuren und helfen uns, die Kernwerte unserer Kooperation zu wahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Das von der DEZA entwickelte Dokument <a href=\"https:\/\/www.sdc-pge.ch\/dam\/en\/sd-web\/HVy4PXaTOJ49\/PGE-Governance-EngagingInAuthoritarianContexts-ExperienceCapitalisation-SDC-2023_EN.pdf\"><u>Working Aid<\/u><\/a> (nur auf Englisch) dient Schweizer Vertretungen in diesen Kontexten als Orientierungshilfe. Es informiert \u00fcber Prinzipien, Risikoparameter und Handlungsfelder, damit die B\u00fcros vor Ort ihre Massnahmen anpassen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die wichtigsten Lehren aus dem Prozess:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ol type=\"1\" start=\"1\">\n<li><strong>Keine Kompromisse ohne Transparenz: <\/strong>Die Entscheidung, ob und wie ein Engagement fortgesetzt wird, richtet sich nach den allgemeinen aussenpolitischen Priorit\u00e4ten und Risikotoleranzen. Manchmal stehen verfassungsrechtliche Mandate der Schweiz, wie Armutsbek\u00e4mpfung und Demokratief\u00f6rderung, im Widerspruch zueinander. Eine anhaltende Pr\u00e4senz k\u00f6nnte vulnerablen Bev\u00f6lkerungsgruppen helfen, zugleich aber signalisieren, dass die Missachtung demokratischer Grunds\u00e4tze nicht geahndet wird.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Staaten sind nicht monolithisch:<\/strong> Selbst in sehr autorit\u00e4ren Systemen finden sich reformwillige, verhandlungsbereite Akteure und subnationale Verwaltungen, die international vereinbarte Werte und Grunds\u00e4tze teilen. Eine Beendigung der Zusammenarbeit mit den zentralen Beh\u00f6rden muss nicht das gesamte Engagement betreffen. Kooperative Akteure zu finden und zu unterst\u00fctzen, schafft kleine, aber bedeutsame R\u00e4ume f\u00fcr positive Ver\u00e4nderungen.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Schleichende Prozesse erfordern vorausschauendes Handeln:<\/strong> Wenn kein eindeutiges Triggerereignis (wie ein Putsch) vorliegt, sind sukzessive Anpassungen gefragt, parallel zum wachsenden Bedarf an proaktiven, konsequenten Reaktionen. Um diesen antizipatorischen Ansatz zu unterst\u00fctzen, wird die OECD voraussichtlich im ersten Halbjahr 2026 einen Leitfaden zu Fr\u00fchwarnsignalen mit fallbasierten Erkenntnissen der DEZA ver\u00f6ffentlichen.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Humanit\u00e4re Hilfe vs. Triple Nexus: <\/strong>Ein h\u00e4ufiger Reflex, mit dem auf den Verfall politischer Kontexte reagiert wird, ist die R\u00fcckkehr zu humanit\u00e4rer Hilfe, da sie als unpolitischer gilt. Diese Reaktion steht jedoch nicht mit dem Triple Nexus in Einklang, demzufolge eine nachhaltige Wirkung durch die strategische Integration von humanit\u00e4rer Hilfe, Entwicklungszusammenarbeit und Friedensf\u00f6rderung erzielt wird. Beschr\u00e4nkt man sich auf humanit\u00e4re Massnahmen, ist es zudem unm\u00f6glich, auf die oben geschilderten politischen Dilemmata einzugehen. Laut <a href=\"https:\/\/www.nrc.no\/resources\/reports\/weathering-the-storm\"><u>NRC<\/u><\/a> (nur auf Englisch) birgt ein umfassender R\u00fcckzug das Risiko, dass Hilfsorganisationen als einzige Schnittstelle zu den lokalen Beh\u00f6rden zur\u00fcckbleiben und f\u00fcr die politischen Belange \u00abinstrumentalisiert\u00bb werden. Das w\u00fcrde ihre Neutralit\u00e4t und ihre operative Effizienz belasten.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Die Ambitionen m\u00fcssen dem Kontext entsprechen:<\/strong> Wenn der politische Druck steigt und der zivilgesellschaftliche Raum schrumpft, sollten wir unsere Erwartungen an rasche oder transformative Ergebnisse herunterschrauben. Stattdessen m\u00fcssen bescheidene, beharrliche Fortschritte und eine ehrliche Einsch\u00e4tzung des politisch Machbaren unser Handeln leiten.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p><strong>Ausblick<\/strong><br>In den sechs Jahren seit der Einf\u00fchrung des Lernprozesses der DEZA hat sich das internationale Umfeld grundlegend gewandelt. Autorit\u00e4re Machthaber:innen sind selbstsicherer, besser vernetzt und eifern einander bei der Einschr\u00e4nkung des zivilgesellschaftlichen Raums nach. Die entstehende multipolare Ordnung mit neuen Machtzentren und einer selektiven Einhaltung internationaler Normen macht die globale Kooperation komplexer und unsicherer. Nie war internationale Entwicklung in einer schwierigeren Phase \u2013 von begrenzten Mitteln und konkurrierenden innerstaatlichen Priorit\u00e4ten bis hin zu expliziten Bedrohungen der Menschenrechte und der demokratischen Grunds\u00e4tze, auf denen die internationale Zusammenarbeit seit jeher beruht. Die zentrale Herausforderung ist die Gew\u00e4hrleistung einer prinzipienorientierten, effektiven Entwicklungszusammenarbeit in einem Umfeld, in dem traditionelle Einflussm\u00f6glichkeiten nicht mehr funktionieren. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden und das Transformationspotenzial der Entwicklungszusammenarbeit zu erhalten, braucht es Geduld, prinzipienorientierte Anpassung und innovative Partnerschaften.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Internationale Zusammenarbeit in autorit\u00e4ren Kontexten ist heute Normalit\u00e4t. 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Diese Tendenz hat sich offenbar noch verst\u00e4rkt: 2024 gab es erstmals seit 20 Jahren wieder mehr Autokratien als Demokratien (V-Dem 2025, nur <a href=\"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/6507\/die-arbeit-in-autoritaren-kontexten-erkenntnisse-und-ausblick\/\" class=\"more-link\">&#8230;<span class=\"screen-reader-text\">  Die Arbeit in autorit\u00e4ren Kontexten \u2013 Erkenntnisse und Ausblick der DEZA<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":6505,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"advgb_blocks_editor_width":"","advgb_blocks_columns_visual_guide":""},"categories":[91],"tags":[],"issue":[451],"acf":[],"author_meta":{"display_name":"\u00e0 propos","author_link":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/author\/apropos\/"},"featured_img":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/WB_Streetart-Medellin-600x332.jpg","coauthors":[],"tax_additional":{"categories":{"linked":["<a href=\"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/category\/focus-de\/\" class=\"advgb-post-tax-term\">Schwerpunkt<\/a>"],"unlinked":["<span class=\"advgb-post-tax-term\">Schwerpunkt<\/span>"]}},"comment_count":0,"relative_dates":{"created":"Posted 9 months ago","modified":"Updated 9 months ago"},"absolute_dates":{"created":"Posted on December 16, 2025","modified":"Updated on December 16, 2025"},"absolute_dates_time":{"created":"Posted on December 16, 2025 9:09 am","modified":"Updated on December 16, 2025 9:34 am"},"featured_img_caption":"","series_order":null,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6507"}],"collection":[{"href":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6507"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6507\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6980,"href":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6507\/revisions\/6980"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6505"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6507"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6507"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6507"},{"taxonomy":"issue","embeddable":true,"href":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/wp-json\/wp\/v2\/issue?post=6507"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}