{"id":7042,"date":"2026-04-01T07:22:52","date_gmt":"2026-04-01T07:22:52","guid":{"rendered":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/?p=7042"},"modified":"2026-04-07T08:09:25","modified_gmt":"2026-04-07T08:09:25","slug":"lokal-gefuehrte-entwicklung-kurzlebiger-trend-oder-nachhaltige-transformation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/7042\/lokal-gefuehrte-entwicklung-kurzlebiger-trend-oder-nachhaltige-transformation\/","title":{"rendered":"Lokal gef\u00fchrte Entwicklung \u2013 kurzlebiger Trend oder nachhaltige Transformation?"},"content":{"rendered":"\n<p>Der Bereich Entwicklung und humanit\u00e4re Hilfe ist an einem Scheideweg angelangt. Seit Jahrzehnten herrscht das Nord-S\u00fcd-Modell vor, jedoch ohne Fortschritte bei den Zielen f\u00fcr nachhaltige Entwicklung. Dies kommt daher, dass die lokale Zivilgesellschaft nicht in Gestaltungs- und Entscheidungsprozesse einbezogen wird und der zivilgesellschaftliche Raum zunehmend schrumpft. Hochrangige Verpflichtungen wie der Aktionsplan von Accra und der Grand Bargain versprachen einen Paradigmenwechsel, doch die Umsetzung blieb bislang weitgehend unerf\u00fcllt und ist sogar r\u00fcckl\u00e4ufig.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei ist lokal gef\u00fchrte Entwicklung (Locally Led Development, LLD) nicht neu. Sie gilt seit Langem als bew\u00e4hrte Praxis, die auf Basis einer guten Regierungsf\u00fchrung f\u00fcr die Inklusion und Partizipation lokaler Akteure sorgt. Sie f\u00f6rdert eine Umverteilung von Macht und Ressourcen, um die Spirale aus Ungleichheit, Ungerechtigkeit und Fragilit\u00e4t zu durchbrechen und eine wirksame nachhaltige Entwicklung zu erzielen. Zusammen schaffen LLD und gute Regierungsf\u00fchrung inklusivere Systeme. Damit es jedoch nicht bei blosser Rhetorik und einem erfolglosen Trend bleibt, m\u00fcssen wir uns mit Wahrheiten, Egos und Unsicherheiten auseinandersetzen, die mit der Umverteilung von Kapazit\u00e4ten, Ressourcen und Macht verbunden sind.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Echtes Know-how und falsche Risikowahrnehmung<\/strong><br>Die Risikowahrnehmung auf internationaler Ebene stellt ein zentrales Hindernis f\u00fcr LLD dar. Geldgeber:innen und internationale Institutionen stufen lokale Akteure und Organisationen sowie informelle und nichttraditionelle Strukturen oft als riskant ein. Dies f\u00fchrt zu einer Gatekeeping-Mentalit\u00e4t und Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnissen. Durch die unvermittelte Entsendung internationaler \u00abExpert:innen\u00bb von aussen oder die \u00dcbertragung der Hauptverantwortung auf eine internationale Institution oder Organisation werden lokale Akteure auf die Rolle der \u00abBeg\u00fcnstigten\u00bb reduziert. Ihre kontextuelle Intelligenz und Erfahrung werden ignoriert. Dabei ist dieses h\u00e4ufig untersch\u00e4tzte Know-how enorm wertvoll in einem Umfeld, das von internationaler Entwicklungsarbeit und humanit\u00e4rer Hilfe gepr\u00e4gt ist. Schliesslich muss die lokale Bev\u00f6lkerung mit den Folgen leben \u2013 wie auch immer diese aussehen. Mit unserem arroganten Ansatz vermitteln wir die Botschaft, dass wir die Belange der Menschen und Gesellschaften, mit denen wir zusammenarbeiten und interagieren, am besten kennen und nur wir uns um ihr Wohlergehen k\u00fcmmern. Das w\u00fcrde bedeuten: Ohne unser Zutun w\u00e4ren Ressourcenverwaltung, Strategieplanung, Interventionen und Wirkung unzureichend.<\/p>\n\n\n\n<p>Echte LLD erfordert die Auseinandersetzung mit Doppelstandards und Widerspr\u00fcchen. Wir m\u00fcssen nicht nur die Geberinstrumente und Regelungen anpassen, sondern auch die Herangehensweisen internationaler Organisationen. Das bedeutet, auch wir m\u00fcssen ver\u00e4nderungsbereit sein, unser Selbstbild infrage stellen, unsere Risikowahrnehmung neu ausrichten und das Know-how nationaler und lokaler Expert:innen wertsch\u00e4tzen. Ohne f\u00f6rderliches Umfeld bleibt LLD nicht mehr als ein vor\u00fcbergehender Trend und ein unerreichbares nachhaltiges Entwicklungsziel.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Von der Theorie zur Praxis: zwei Narrative des Wandels<\/strong><br>Verschiedene Helvetas-Projekte zeigen, wie dieser Wandel in Theorie und Praxis umgesetzt wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1. Kapazit\u00e4ten teilen, statt aufbauen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Debatte zur \u00abEntkolonialisierung der Hilfe\u00bb betont, dass Know-how nicht nur von Nord nach S\u00fcd fliessen sollte. Anstatt Kapazit\u00e4ten aufzubauen \u2013 was auf ein Defizit bei lokalen Akteuren hindeuten w\u00fcrde \u2013, m\u00fcssen wir <strong>Kapazit\u00e4ten teilen<\/strong>. So f\u00f6rdern wir eine wechselseitige Beziehung unter Gleichgestellten, die das Know-how des jeweils anderen sch\u00e4tzen.&nbsp; 2010 unterst\u00fctzte Helvetas die Einrichtung eines lokalen NGO Resource Center in Laos.&nbsp; Es umfasst neben einem vielf\u00e4ltigen Serviceangebot auch ein Programm zur Kapazit\u00e4tsentwicklung.&nbsp; Das Besondere an der Initiative: Die Plattform bietet einen offenen und transparenten Kanal, \u00fcber den sich lokale und internationale NGOs gegenseitig unterst\u00fctzen k\u00f6nnen. Auch Geldgeber:innen und andere Institutionen k\u00f6nnen hier\u00fcber Dienstleistungen anfordern. Dadurch werden lokale NGOs nicht nur als Experten und Entwicklungsakteure in eigener Sache anerkannt, sondern sie k\u00f6nnen im Rahmen eines unabh\u00e4ngigeren, nachhaltigeren \u00abGesch\u00e4ftsmodells\u00bb ihren Organisationen auch eine Basisfinanzierung erm\u00f6glichen.&nbsp;Die Plattform sowie das Resource Center sind nach wie vor in Betrieb \u2013 und das in einem Land, das Civicus als \u00abgeschlossen\u00bb eingestuft hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiteres beeindruckendes Beispiel ist das Projekt <a href=\"https:\/\/www.helvetas.org\/en\/sri-lanka\/what-we-do\/how-we-work\/our-projects\/Asia\/Sri-Lanka\/sri-lanka-bgd-cso-pve\">CSO-PVE<\/a>. In Bangladesch und Sri Lanka gibt es eine hohe Jugendarbeitslosigkeit und kaum Chancen f\u00fcr soziale und politische Teilhabe \u2013 ein idealer N\u00e4hrboden f\u00fcr extremistische Gruppen, die junge Menschen anwerben.<\/p>\n\n\n\n<p>Helvetas erm\u00f6glichte den gegenseitigen Austausch und die Kooperation von Mitarbeitenden zivilgesellschaftlicher Organisationen (ZGOs) aus Bangladesch und Sri Lanka.&nbsp;Zum Beispiel unterst\u00fctzte Helvetas zivilgesellschaftliche Gruppen und lokale Gemeinschaften bei der Zusammenarbeit mit Jugendlichen in und zwischen den beiden L\u00e4ndern, um gewaltt\u00e4tigem Extremismus entgegenzuwirken. Dar\u00fcber hinaus f\u00f6rderte Helvetas die Interaktion von ZGOs mit lokalen Beh\u00f6rden sowie traditionellen und religi\u00f6sen F\u00fchrern. Dieser direkte Kontakt st\u00e4rkte das Bewusstsein f\u00fcr W\u00fcrde, gegenseitigen Respekt und gemeinsame Ziele. Stereotype, verzerrte Normen und Barrieren wurden durch lokale Innovation, Zusammenarbeit auf Augenh\u00f6he und lokal gef\u00fchrte Entwicklung abgel\u00f6st. Als Veranstalterin und Moderatorin brachte Helvetas lokale Akteure \u00fcber gesellschaftliche, religi\u00f6se und sektorale Grenzen hinweg zusammen, die so voneinander lernen und gegenseitiges Vertrauen sowie soziales und politisches Kapital f\u00fcr den Wandel aufbauen konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;Nicht zuletzt festigte die F\u00f6rderung des interkulturellen Dialogs, der nationalen und grenz\u00fcberschreitenden Solidarit\u00e4t, den Frieden und den sozialen Zusammenhalt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2. F\u00f6rdern und institutionalisieren statt implementieren<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In \u00c4thiopien veranschaulicht der \u00dcbergang vom Amhara Local Governance Project (<a href=\"https:\/\/www.helvetas.org\/en\/ethiopia\/what-we-do\/how-we-work\/our-projects\/Africa\/Ethiopia\/Amhara%20Local%20Governance%20Project%20Plus%20%28ALGP-%29\">ALGP<\/a>) zum erweiterten Ethiopia Local Governance Project (ELGP) den Einfluss der \u00abVeranstalter:innenrolle\u00bb. Das Projekt soll sicherstellen, dass Gemeinschaften sowohl bessere Grunddienste erhalten als auch selbst massgeblich zur partizipativen Planung, Bereitstellung und Gouvernanz von Grunddiensten beitragen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Anstatt das Projekt im Auftrag der lokalen Beh\u00f6rden und der durch sie zu vertretenden Gemeinschaften zu implementieren, fungierte Helvetas als Moderatorin und nutzte ihre Legitimit\u00e4t, um die Kluft zwischen Bev\u00f6lkerung und Staat zu \u00fcberwinden.<\/p>\n\n\n\n<p>An die Stelle einer Belehrung trat das Schaffen von R\u00e4umen und Kan\u00e4len, um sich zu \u00e4ussern und geh\u00f6rt zu werden. \u00dcber Plattformen wie Telegram wenden sich B\u00fcrger:innen nun direkt an Regierungsvetreter:innen, wodurch Transparenz und ein gewisser \u00abDruck\u00bb f\u00fcr Rechenschaft und systematischere Nachverfolgung entsteht. Auf diesem Weg werden 420 Stadtviertel und 35&#8217;000 Menschen erreicht, sodass sich lokale Akteure ihren zivilgesellschaftlichen Raum sichern k\u00f6nnen. Indem wir von der Entwicklerin zum Moderatorin wurden, gewann der Einsatz an Relevanz und war leichter auf andere Bereiche \u00fcbertragbar, da er auf Vertrauen und dauerhaften Strukturen vor Ort basierte, anstatt auf externen Mandaten und kurzlebigen Interventionen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Nepal zeigt das DEZA-Projekt Safer Migration (<a href=\"https:\/\/www.helvetas.org\/en\/nepal\/what-we-do\/how-we-work\/our-projects\/Asia\/Nepal\/nepal-safer-migration\">SaMi<\/a>), wie wichtig Eigenverantwortung f\u00fcr die finanzielle und operative Nachhaltigkeit ist. Helvetas unterst\u00fctzte 156 lokale Regierungen dabei, die volle Verantwortung f\u00fcr die Erbringung von Migrationsdienstleistungen zu tragen. Dadurch entwickelten sich lokale Partner:innen von Projektteilnehmenden zu Hauptakteuren. Heute steuern sie 70&nbsp;Prozent des Projektbudgets bei und \u00fcberwachen die Qualit\u00e4t von Migrationsdienstleistungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier erkennen wir eine wesentliche Voraussetzung f\u00fcr sinnvolle, echte LLD: eine Ausstiegsstrategie. Lokale Systeme k\u00f6nnen nur unabh\u00e4ngig und rechenschaftspflichtig werden, wenn internationale Partner bereit sind, sich zur\u00fcckzuziehen. Dieser Ansatz gibt lokalen Institutionen gen\u00fcgend Raum, um selbst langfristig Verantwortung f\u00fcr ihre Mandate und Dienstleistungen zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Operationalisierung der Realit\u00e4t<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Solange die Hilfsarchitektur und das bisherige Modell der internationalen Zusammenarbeit nicht reformiert werden, existiert der Nutzen von LLD nur auf dem Papier. Eine Reform erfordert unter anderem:<\/p>\n\n\n\n<ul>\n<li><strong>Organisatorische Integrit\u00e4t und Resilienz<\/strong>: Gew\u00e4hrung einer indirekten Basisfinanzierung, damit lokale Organisationen in ihre eigene Personalverwaltung und -entwicklung, Gouvernanz und langfristige Resilienz investieren k\u00f6nnen.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Sektorale und institutionelle Legitimit\u00e4t und Pluralismus<\/strong>: sektor\u00fcbergreifende Vernetzung von (nichtstaatlichen, \u00f6ffentlichen und privaten) Akteuren, Organisationen und Institutionen sowie Investitionen in diese. Mithilfe dieser Strategie werden interne Gr\u00e4ben geschlossen, Br\u00fccken gebaut, Verbindungen gekn\u00fcpft und gemeinsame Interessen, Absichten, Kapazit\u00e4ten und Ressourcen hervorgehoben, um inklusivere und wirksamere politische Massnahmen, Budgets und Dienstleistungen zu erhalten.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Ergebnisorientiertes Management<\/strong>: Ersetzen kurzfristiger, restriktiver Zusch\u00fcsse durch ergebnisorientierte, direkte F\u00f6rdermittel, die es lokalen Akteuren erm\u00f6glichen, sich den Gegebenheiten unverz\u00fcglich anzupassen; Verbesserung der Qualit\u00e4t, des Lernens und der Rechenschaftspflicht.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Koordinierte gemeinsame Strategien<\/strong>: F\u00f6rderung der Zusammenarbeit zwischen internationalen und nationalen Akteuren, Geldgeber:innen, Hilfsorganisationen, NGOs und Aktivist:innen in allen Bereichen. Durch die B\u00fcndelung ihrer Kr\u00e4fte k\u00f6nnen sie ein f\u00f6rderlicheres Umfeld schaffen, das den zivilgesellschaftlichen Raum sowie Freiheiten sch\u00fctzt und erweitert; dadurch werden auch die Gerechtigkeit und der soziale Zusammenhalt gest\u00e4rkt.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Wenn wir lokal gef\u00fchrte Entwicklung als Trend oder vor\u00fcbergehende Reaktion auf knappe Budgets ansehen, werden ihr Potenzial und ihre Wirkung schnell verpuffen. Stattdessen m\u00fcssen wir die Dynamik nutzen, um dauerhaft zu ver\u00e4ndern, wie wir Kapazit\u00e4ten, Ressourcen und Macht einsetzen, aufteilen und bewahren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Bereich Entwicklung und humanit\u00e4re Hilfe ist an einem Scheideweg angelangt. Seit Jahrzehnten herrscht das Nord-S\u00fcd-Modell vor, jedoch ohne Fortschritte bei den Zielen f\u00fcr nachhaltige Entwicklung. Dies kommt daher, dass die lokale Zivilgesellschaft nicht in Gestaltungs- und Entscheidungsprozesse einbezogen wird und der zivilgesellschaftliche Raum zunehmend schrumpft. 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