{"id":7058,"date":"2026-04-01T07:22:52","date_gmt":"2026-04-01T07:22:52","guid":{"rendered":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/?p=7058"},"modified":"2026-04-01T07:22:52","modified_gmt":"2026-04-01T07:22:52","slug":"mehr-als-finanzielle-mittel-lokalisierung-als-beziehungsarbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/7058\/mehr-als-finanzielle-mittel-lokalisierung-als-beziehungsarbeit\/","title":{"rendered":"Mehr als finanzielle Mittel \u2013 Lokalisierung als Beziehungsarbeit"},"content":{"rendered":"\n<p>Bereits zu Beginn der 2000er-Jahre sahen sich Organisationen der internationalen Zusammenarbeit einem nicht unberechtigten Vorwurf konfrontiert: Durch das \u00abEntwicklungs-Paradigma\u00bb zementierten sie bestehende Machtstrukturen und trugen zur Entstehung neuer Dependenzen bei. Diese Kritik wurde zu einem Kernpunkt des bis heute anhaltenden Dekolonisierungsdiskurses.<\/p>\n\n\n\n<p>Lokalisierung und Dekolonisierung sind verwandte, aber keine deckungsgleichen Konzepte. Lokalisierung zielt darauf ab, lokalen Akteur:innen mehr Ressourcen und Entscheidungsmacht zu \u00fcbertragen. Dekolonisierung geht weiter; sie will historische Machtverh\u00e4ltnisse strukturell ver\u00e4ndern \u2013 durch die Umverteilung von Wissen und institutioneller Autorit\u00e4t. Lokalisierung ist damit Teil eines umfassenderen Dekolonisierungsprozesses, in dem die Beziehungsr\u00e4ume zwischen Globalem Norden und S\u00fcden neu verhandelt werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Auf Geldfl\u00fcsse fokussiert<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Initiativen wie der Grand Bargain haben bereits 2016 mehr Mittel und Entscheidungsmacht f\u00fcr lokale Akteur:innen gefordert \u2013 doch die Umsetzung der letzten zehn Jahre zeigt, wie tief Machtasymmetrien weiterhin verankert sind. Die aktuellen Umstrukturierungen fokussieren stark auf Geldfl\u00fcsse. Die Pr\u00e4misse lautet: Mehr Direktfinanzierung f\u00fcr lokale Organisationen soll Asymmetrien abbauen. Doch die blosse Dezentralisierung der Mittel schw\u00e4cht \u00dcber- und Unterordnungsverh\u00e4ltnisse kaum ab. Solange Gelder \u00fcberwiegend \u00fcber internationale Zwischenorganisationen fliessen, verbleibt die strategische Steuerung bei diesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Flexible, mehrj\u00e4hrige und ungebundene Finanzierungen hingegen erweitern lokale Handlungsspielr\u00e4ume und st\u00e4rken institutionelle Eigenst\u00e4ndigkeit \u2013 stossen aber rasch an die Grenzen stark formalisierter Berichts- und Kontrollanforderungen der Geldgeber:innen. Verst\u00e4rkt wird dieses Spannungsfeld durch die strukturelle Abh\u00e4ngigkeit von eben diesen. Ihre Erwartungen geniessen in der \u00abRechenschaftshierarchie\u00bb faktisch Vorrang \u2013 nicht, weil die Verantwortung gegen\u00fcber den Gemeinschaften weniger z\u00e4hlt, sondern weil mit den Geldgeber:innen schlicht alles steht und f\u00e4llt. Der Druck auf Messbarkeit f\u00fchrt dazu, dass Projekte st\u00e4rker auf Reputationssicherung ausgerichtet werden als auf langfristige, lokal definierte Transformationsprozesse.<\/p>\n\n\n\n<p>Anfang 2026 haben \u00fcber 40 Schweizer NGOs, darunter IAMANEH Schweiz, das <a href=\"https:\/\/www.alliancesud.ch\/sites\/default\/files\/2026-02\/202602_Manifest_LLA_DE_2P.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Manifest<\/a> \u00abLokal verankert. Global vernetzt\u00bb verabschiedet, das zu konkreten Schritten in f\u00fcnf T\u00e4tigkeitsbereichen aufruft. Einer davon ist der Aufbau gleichberechtigter Partnerschaften und R\u00e4ume f\u00fcr kritischen Austausch. Ein konkretes Beispiel, wie IAMANEH Schweiz dies seit mehr als zehn Jahren in Zusammenarbeit mit der anderen KOFF Oganisation terre des hommes schweiz umsetzt, ist der \u00abKnowledge Hub\u00bb \u2013 eine gemeinsame Plattform, die Partnerorganisationen in die Analyse von Machtasymmetrien einbindet, Erfahrungen kapitalisiert und Wissen kontext\u00fcbergreifend zug\u00e4nglich macht. So entstehen Beziehungsr\u00e4ume, in denen Einfluss geteilt und Entscheidungen gemeinsam getroffen werden \u2013 denn Lokalisierung, die Transformation anstrebt, braucht vor allem Zeit und nicht nur Geld.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bereits zu Beginn der 2000er-Jahre sahen sich Organisationen der internationalen Zusammenarbeit einem nicht unberechtigten Vorwurf konfrontiert: Durch das \u00abEntwicklungs-Paradigma\u00bb zementierten sie bestehende Machtstrukturen und trugen zur Entstehung neuer Dependenzen bei. 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