{"id":7445,"date":"2026-07-02T08:29:04","date_gmt":"2026-07-02T08:29:04","guid":{"rendered":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/?p=7445"},"modified":"2026-07-02T08:29:04","modified_gmt":"2026-07-02T08:29:04","slug":"die-militarisierung-und-die-rolle-der-frauen-die-sich-fuer-den-frieden-einsetzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/koff.swisspeace.ch\/apropos\/7445\/die-militarisierung-und-die-rolle-der-frauen-die-sich-fuer-den-frieden-einsetzen\/","title":{"rendered":"Die Militarisierung und die Rolle der Frauen, die sich f\u00fcr den Frieden einsetzen"},"content":{"rendered":"\n<p>Angesichts internationaler Krisen, bewaffneter Konflikte und l\u00e4nder\u00fcbergreifender Bedrohungen haben zahlreiche Staaten in den vergangenen Jahren ihre Verteidigungskapazit\u00e4ten und ihren Sicherheitsapparat verst\u00e4rkt.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem zunehmend von geopolitischen Spannungen gepr\u00e4gten Umfeld \u2013 mit (unter anderem) dem Ukraine-Krieg und der Instabilit\u00e4t im Sudan \u2013 verfolgen die Staaten das legitime Ziel, ihre Bev\u00f6lkerung zu sch\u00fctzen und deren Sicherheit zu gew\u00e4hrleisten. Mit dieser Entwicklung geht allerdings h\u00e4ufig eine Fokussierung der Sicherheitspolitik auf vorwiegend milit\u00e4rische Ans\u00e4tze mit einer restriktiven Definition von Sicherheit einher. Angesichts der Komplexit\u00e4t der derzeitigen Konflikte scheinen solche Ans\u00e4tze allein jedoch nicht zu gen\u00fcgen. Auch eventuelle Stellvertreterkriege (proxy wars) k\u00f6nnen nicht verhindert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Von der 1975 unterzeichneten Schlussakte von Helsinki zum Abbau der Spannungen des Kalten Kriegs bis hin zum 1994 von den Vereinten Nationen formalisierten Konzept der menschlichen Sicherheit hat die internationale Gemeinschaft nach und nach anerkannt, dass es f\u00fcr nachhaltige Sicherheit auch Pr\u00e4vention, Dialog, die Inklusion von Genderperspektiven sowie den Schutz der Menschenrechte braucht.<\/p>\n\n\n\n<p>In meiner Funktion als Beraterin f\u00fcr Women, Peace and Security (WPS) der Abteilung Frieden und Menschenrechte (AFM) des EDA und durch die enge Zusammenarbeit mit Expert:innen im Bereich formeller und informeller Friedensprozesse habe ich beobachtet, dass eine Militarisierung die Teilnahme von Frauen an Friedensprozessen erschweren kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Trend verschiebt die politischen Priorit\u00e4ten, beeinflusst die Ressourcenverteilung und bestimmt, welche Kenntnisse und F\u00fchrungsformen in Entscheidungsprozessen zum Tragen kommen. In vielen Einsatzgebieten der AFM bewegen sich die Frauen, die sich f\u00fcr den Frieden einsetzen, bereits in fragilen, von Gewalt und Instabilit\u00e4t gepr\u00e4gten Kontexten. Sobald rein milit\u00e4rische Ans\u00e4tze Einzug halten, schrumpft der Handlungsspielraum dieser Akteurinnen im \u00f6ffentlichen Raum. Tats\u00e4chlich sind die geschlechtsspezifischen Folgen der Militarisierung betr\u00e4chtlich. Das kann die Arbeit der Friedensakteurinnen in Kontexten erschweren, in denen Dialog und sozialer Zusammenhalt essenziell sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir beobachten im Sudan, in der Ukraine und auch in Kolumbien, dass Frauen oft zu den ersten geh\u00f6ren, die bei Konflikten aktiv werden. Sie unterst\u00fctzen ihre Gemeinschaft in verschiedenen Funktionen, kreieren lokale, innovative L\u00f6sungen und fungieren als Mediatorinnen zwischen den konfliktbetroffenen Gemeinschaften. So bewahren sie informelle und\/oder formelle R\u00e4ume f\u00fcr den Dialog zwischen gespaltenen Gemeinschaften und setzen sich f\u00fcr die sozialen und wirtschaftlichen Aspekte der Gewalt ein, die in formellen Friedensprozessen allzu oft zu kurz kommen. In den Entscheidungsr\u00e4umen, in denen die Friedens- und Sicherheitspolitik festgelegt wird, sind sie allerdings weiterhin nur schwach vertreten.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Ausgrenzung wird durch ein restriktives Sicherheitskonzept verst\u00e4rkt. Ein solches beruht auf hierarchischen, staatlichen Machtformen, die wenig Platz f\u00fcr inklusive und lokale Ans\u00e4tze lassen, wobei Letztere weitgehend als essenziell f\u00fcr die Friedensf\u00f6rderung bekannt sind. Es geht nicht darum, dass Frauen von Natur aus besser f\u00fcr die Friedensf\u00f6rderung geeignet w\u00e4ren. Wie M\u00e4nner sind Frauen keine homogene Gruppe; sie haben unterschiedliche Lebenswege, Erfahrungen, Interessen und Priorit\u00e4ten. In vielen Kontexten verf\u00fcgen Frauen aufgrund ihrer zugeschriebenen gesellschaftlichen Rollen jedoch \u00fcber spezifische Erfahrungen mit den Herausforderungen des sozialen Zusammenhalts und des Zusammenlebens, die eine Bereicherung f\u00fcr Friedens- und Sicherheitsbem\u00fchungen sein k\u00f6nnen.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p><em>Die AFM vertritt hinsichtlich Sicherheits- und Friedensthemen eine umfassende Vision,<\/em> die gr\u00f6sstenteils durch die Erfahrungen und Priorit\u00e4ten konfliktbetroffener Personen gepr\u00e4gt ist. Ihr Ziel ist insbesondere, die Teilhabe von Frauen an Friedens- und Gouvernanzprozessen zu st\u00e4rken. So setzt die AFM beispielsweise im S\u00fcdsudan gemeinsam mit der Berghof Foundation ihre Arbeit mit Sudanesinnen trotz der zunehmenden Militarisierung und des dort herrschenden offenen Krieges fort. Die Entebbe-Initiative basiert auf einem sorgf\u00e4ltig durchdachten Mediationsansatz und hat Dialogr\u00e4ume geschaffen, in denen Frauen aus verschiedenen Konfliktparteien Vorschl\u00e4ge f\u00fcr einen Waffenstillstand ausarbeiten, humanit\u00e4res V\u00f6lkerrecht in konkrete Massnahmen \u00fcbertragen, ihre Legitimit\u00e4t f\u00fcr die Teilhabe an Friedensprozessen auf h\u00f6chster Ebene unter Beweis stellen und Perspektiven f\u00fcr einen demokratischen \u00dcbergang er\u00f6ffnen. Dies alles geschieht in einem Kontext verst\u00e4rkter milit\u00e4rischer Massnahmen und eines offenen Kriegs.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir stellen fest, dass die im Namen der Sicherheit verabschiedeten Gesetze in einigen Kontexten zur Unterdr\u00fcckung der Zivilgesellschaft missbraucht werden k\u00f6nnen oder sogar Frauen in Gefahr bringen. Unsere Partnerinnen erz\u00e4hlen, dass es f\u00fcr sie immer riskanter wird, nur schon einen einfachen Dialog zu organisieren oder \u00fcber Frieden zu sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies wirft Fragen \u00fcber die Auswirkungen auf andere Sicherheitsaspekte auf, etwa die tats\u00e4chliche Sicherheit der verschiedenen betroffenen Bev\u00f6lkerungsgruppen. Wenn Ressourcen gr\u00f6sstenteils in rein milit\u00e4rische L\u00f6sungen fliessen, werden M\u00f6glichkeiten zur Pr\u00e4vention, Mediation und langfristigen Friedensf\u00f6rderung in den Hintergrund gedr\u00e4ngt. Mit einer begrenzten Definition von Sicherheit wird die Unsicherheit, der die Bev\u00f6lkerung jeden Tag ausgesetzt ist \u2013 wirtschaftliche Marginalisierung, sozialer Ausschluss, geschlechtsspezifische Gewalt \u2013, zu wenig ber\u00fccksichtigt, was wiederum ein nachhaltiges Krisenmanagement behindert.<\/p>\n\n\n\n<p>Um g\u00fcnstige Bedingungen f\u00fcr einen nachhaltigen Frieden zu schaffen, m\u00fcssen auch pr\u00e4ventive Ans\u00e4tze \u2013  insbesondere Dialog, Mediation und Konfliktpr\u00e4ventionsarbeit \u2013 gef\u00f6rdert werden. Dadurch sollen Br\u00fccken zwischen Sicherheitsakteur:innen und der Zivilgesellschaft geschlagen und die menschliche Sicherheit ins Zentrum der Debatte ger\u00fcckt werden. Genau das ist das Ziel der Agenda \u00abWomen, Peace and Security\u00bb, f\u00fcr die sich die Schweiz seit mehreren Jahrzehnten als fester Bestandteil ihrer aussenpolitischen Friedenspolitik engagiert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Angesichts internationaler Krisen, bewaffneter Konflikte und l\u00e4nder\u00fcbergreifender Bedrohungen haben zahlreiche Staaten in den vergangenen Jahren ihre Verteidigungskapazit\u00e4ten und ihren Sicherheitsapparat verst\u00e4rkt. 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