Vereine – Herzstück des sozialen Zusammenhalts

Gelebte Partizipation an der Delegiertenversammlung des Frauenbund Schweiz in Visp, Mai 2025. Aya Balbaaki
Frauenbund Schweiz
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Er gehört zur Kulturlandschaft der Schweiz: der Verein. Über 90’000 Vereine prägen das gesellschaftliche Leben, ob in Sport, Kultur, in Nachbarschaften oder Kirchen. Sie schaffen Räume, in denen Menschen einander begegnen, unabhängig von Herkunft, Alter oder sozialem Status – oder bringen Menschen zusammen, die sich gerade wegen Herkunft, Alter oder sozialen Status einander zugehörig fühlen.

Über Jahrzehnte wirkte der Verein als Kitt für ein friedliches Zusammenleben und wird heute herausgefordert. Gesellschaftlicher Wandel samt Megatrends wie Individualisierung und Globalisierung bringt zwar neue Freiheiten, lässt aber vertraute Bindungen brüchiger werden – während neue Formen von Zugehörigkeit und Sinnstiftung erst mühsam ausgehandelt werden müssen.

Der Frauenbund Schweiz zeigt, wie in Vereinen organisierte Frauennetzwerke zu Orten der Selbstermächtigung wurden. In einer Zeit, als Frauen bis 1971 weder Stimm- noch Wahlrecht hatten, boten Frauenvereine eine der wenigen Möglichkeiten, ausserhalb der Familie zivilgesellschaftlich zu wirken. Frauen organisierten Lesekreise, gründeten soziale Initiativen, bauten Weiterbildungsangebote auf und verschafften sich Gehör in kirchlichen wie politischen Fragen. Damit leisteten sie einen wesentlichen Beitrag zum sozialen Zusammenhalt.

Die historische Erfahrung von Vereinen erinnert daran, wie wichtig kollektive Strukturen sind, um Solidarität zu organisieren, gesellschaftliche Teilhabe zu sichern, Stimmen hörbar und Gemeinschaft erlebbar zu machen – damals wie heute. Gleichzeitig gilt: Berufliche Belastungen, Familienpflichten und der Wunsch nach mehr Flexibilität machen langfristige Engagements unattraktiver. Starre Strukturen, Präsenzpflichten und eine teilweise geringe digitale Affinität der Vereinsvorstände schrecken jüngere Generationen ab. Hinzu kommt die Konkurrenz durch Online-Communities, die zwar schnellen Austausch ermöglichen, aber oft weniger nachhaltige Bindungen schaffen. Das führt zu einem Paradox: Einerseits wächst das Bedürfnis nach Gemeinschaft und Sinnstiftung, andererseits fehlt vielen Menschen die Zeit und die Bereitschaft, sich langfristig zu engagieren.

Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt mit dem Begriff Resonanz eine gelingende Beziehung zur Welt: Sie entsteht dort, wo Menschen sich berühren lassen, aufeinander Bezug und Einfluss nehmen. In einer Gesellschaft, die von Beschleunigung und Individualisierung geprägt ist, ermöglichen sie Erfahrungen von Nähe, Verbindlichkeit und wechselseitiger Anerkennung.

Besonders deutlich wird dies dort, wo klassische Vereinsarbeit ihre ganze Stärke entfaltet: in Besuchsdiensten für Betagte, Familienprogrammen, Hilfsaktionen für Geflüchtete, Solidaritätsfonds für armutsbetroffene Mütter oder in Projekten, die das Zusammenleben stärken.

Die Zukunft der Vereine hängt von ihrer Anpassungsfähigkeit ab: Sie müssen Räume für neuartige Partizipation öffnen, ohne ihre bewährte Substanz preiszugeben.

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