Gesellschaftliche Krisen können Vertrauen in Institutionen untergraben, soziale Spaltungen und Konflikte verstärken und Gefühle der Ohnmacht fördern. Sie eröffnen aber auch Chancen für neue Formen des Miteinanders. Mit dieser Annahme initiierte der Luzerner Verein «Zwischentöne – Lernen aus Krisen» einen biographischen und partizipativen Prozess: Rund 70 Menschen teilten und dokumentierten ihre persönlichen Erfahrungen mit gesellschaftlichen Krisen wie z.B. Corona, Klimawandel, Diskriminierung und Gewalt. Dabei ging es vor allem darum, Geschichten von Menschen zu dokumentieren, die oft wenig wahrgenommen werden, wie zum Beispiel Geflüchtete, Armutsbetroffene, Jugendliche und Menschen mit Beeinträchtigungen. Ziel war es, die «Politik des Gehörtwerdens» als Ressource für gesellschaftliche Resilienz zu erproben.
Biographischer Ansatz und Partizipation
In der internationalen Friedensförderung gilt das Erzählen von Lebensgeschichten als Ressource für Sinnstiftung, Empathie und persönliche und gesellschaftliche Verarbeitung traumatischer Erfahrungen. Es kann Brücken zwischen unterschiedlichen Gruppen schlagen und neue Kommunikationsräume eröffnen. Partizipative Verfahren fördern Eigenverantwortung, Resilienz und Handlungsfähigkeit. Zwischentöne verbindet diese beiden Dimensionen und schafft dadurch Resonanzräume, die individuelle Betroffenheiten mit gesellschaftspolitischen Dynamiken verknüpfen.
Fünf zentrale Erkenntnisse:
- Würdigung von Erfahrungen. In Krisen dominieren oft die lautesten Stimmen; differenzierte Perspektiven – insbesondere marginalisierter Gruppen – sind selten zu hören. Zwischentöne dokumentierte diese Stimmen und machte sie öffentlich zugänglich. Wie z.B. die von Jahn Graf, Verantwortlicher Inklusion beim Kleintheater Luzern, Aktivist, Moderator, Podcaster: «Es gibt diesen bekannten Satz: «Man erkennt die Stärke einer Gesellschaft daran, wie sie mit Randgruppen umgeht.» Ich würde hinzufügen: «… im Krisenfall.» Im Normalzustand sind wir zwar nicht gewollt, aber akzeptiert. In Krisen sind wir gar niemand. Vor der nächsten grossen Krise müssen wir lernen, dass nur eine diverse Gesellschaft stark ist. Wir müssen alle am grossen Tisch sein, um Lösungen zu präsentieren.»
- Bedürfnis nach Verstandenwerden. Viele Erzähler:innen berichteten von wiederholtem Nicht-Gehörtwerden. Diese Unsichtbarkeit schwächt Vertrauen in Demokratie und führt zu Rückzug. Niedrigschwellige Dialogformate können hier Resonanz schaffen, wenn aufrichtige Empathie, Offenheit und Interesse am Gegenüber spürbar ist. Wie Somi erläutert: «Viele Schweizer:innen denken: Flüchtlinge kommen hierher, sie bekommen Geld, bekommen alles und sie machen nichts. Aber das stimmt nicht. Wir versuchen immer alles: Wie können wir uns integrieren? Wie können wir einen guten Job finden?»
- Menschen in ihren Lebenswelten erreichen. Wirksam sind partizipative Prozesse nur, wenn sie an vertrauten Orten stattfinden. Bibliotheken, Pfarreien oder Treffpunkte für Geflüchtete erwiesen sich als Schlüssel. Jugendliche hingegen blieben schwer erreichbar. Rückblickend lag das wohl nicht nur an der Kommunikation, sondern auch an der fehlenden Präsenz junger Menschen in der Projektführung – Personen, die glaubwürdig hätten vermitteln können.
- Verbindung von Erfahrung und Politik. Krisenbearbeitung erfordert eine wechselseitige Öffnung: Politik sollte menschlicher und verletzlicher sichtbar werden, während Bürger:innen Verantwortung für Mitgestaltung übernehmen müssen. Unsere eigenen Begegnungen mit Parlamentarier:innen zeigten, dass Dialog auf Augenhöhe möglich ist.
- Allianzen über Diskriminierungsformen hinweg. Zwischentöne führte Stimmen unterschiedlicher marginalisierter Gruppen zusammen. Das gemeinsame Sichtbarmachen überlappender Erfahrungen eröffnet neue Möglichkeiten solidarischer Allianzbildung.
Ausblick
Biographische Erzählräume sollten systematisch in Krisen- und Dialogstrategien in der Schweiz integriert werden. Sie sind Werkzeuge der Krisen- und Konfliktverarbeitung und tragen zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei. In einem nächsten Schritt entwickelt Zwischentöne gemeinsam mit Behörden einen Prototyp für partizipatives Krisenmanagement auf Gemeinde- und Kantonsebene.