Seit 2022 unterstützt Eirene Suisse die Arbeit der NGO Mary Barreda in Nicaragua im Kampf gegen geschlechtsspezifische und sexuelle Gewalt sowie kommerzielle sexuelle Ausbeutung und Prostitution. Eirene Suisse unterstützt das Team von Mary Barreda bei der strategischen Planung und der institutionellen Stärkung seiner Projekte.
Nach der Verabschiedung eines nationalen Gesetzes über ausländische Agenten im Oktober 2020 schränkten die Behörden Nicaraguas den zivilgesellschaftlichen Handlungsspielraum drastisch ein. Mehrere Tausend gemeinnützige Organisationen waren zur Schliessung gezwungen. Dies wirkte sich dauerhaft auf Sozialeinrichtungen und die dortigen Arbeitsstellen aus und schürte zudem Misstrauen gegenüber dem gemeinnützigen Sektor und Migrationsströmen.
Vor diesem Hintergrund musste der Mary Barreda Verein seine Vorgehensweise überdenken. In einem so restriktiven Umfeld mit wenig Raum für die öffentliche Meinungsäusserung, wo das Thema Frauenrechte mitunter als subversiv gilt, müssen lokale Initiativen mit Kreativität und Feingefühl weitergeführt werden; dabei dürfen keine Missverständnisse entstehen, die zur Schliessung von Räumen für die Zusammenarbeit mit der Regierung oder gar der Organisation selbst führen könnten.
Basis der neuen Strategien ist ein Gleichgewicht zwischen Vorsicht und Wirksamkeit. Zugunsten einer diskreten und flexiblen Vorgehensweise hat der Verein seine Kommunikationsstrategie angepasst. Künftig finden nur noch Aktionen mit geringer Sichtbarkeit statt, wie etwa gemeinschaftliche Bildung, psycho-juristischer Beistand oder wirtschaftliche Entwicklung von vulnerablen Frauen. Wie bisher stellt sich der Verein grundlegenden und akuten Herausforderungen und bewegt sich dabei im behördlich akzeptierten Rahmen. Zugunsten der Sicherheit des Teams und der Betroffenen werden Öffentlichkeitskampagnen zurückhaltender und gezielter gestaltet und in bildungsbezogene oder gemeinschaftliche Aktivitäten integriert. Zudem wurde die Terminologie an den politischen Kontext angepasst, um jeglichen Verdacht zu zerstreuen: Neu heisst es zum Beispiel «Förderung der Menschenrechte» statt «Verteidigung der Menschenrechte».
Mary Barreda setzt sich zudem für eine engere Verbindung zu Führungspersonen der Gemeinschaft ein, von denen einige eine politische Rolle in Zusammenhang mit Projekten des Vereins einnehmen. Dank dieser Kontakte bleibt der Verein vor Ort präsent und kann seine Aktionen in einem geschützten Rahmen für Projektteilnehmende durchführen. Seit 2024 sind durch die zunehmende Kontrolle des autoritären Staates die Bildung von Allianzen und die regelmässige Kontaktpflege mit Regierungsinstitutionen von zentraler Bedeutung. Nur so können ein sicherer Rahmen und künftige Aktivitäten gewährleistet werden.
Allen Anpassungsbemühungen zum Trotz bleiben Stolpersteine: Viele Geber ziehen sich wegen der politischen Lage, des erschöpften Personals, der administrativen Komplexität und vor allem der ständigen Befürchtung, die noch aktiven Organisationen könnten zur Schliessung gezwungen werden, aus Nicaragua zurück. Was nach wie vor funktioniert, ist die menschliche Nähe: Vertrauen, täglicher Gemeinschaftsgeist und Anpassungsfähigkeit. Für das Überleben von zivilgesellschaftlichen Organisationen ist die Diversifizierung der Finanzierungsquellen inzwischen essenziell. Das Team von Mary Barreda stellt sich aktuellen und künftigen Herausforderung mit doppelter Kreativität.