Der Missbrauch politischer, ökonomischer, sozialer oder symbolischer Macht zum persönlichen oder klanbasierten Vorteil befeuert symbolische Gewalt, die Exklusion und Marginalisierung verstärkt. Dadurch werden die Grundlagen des kollektiven Zusammenlebens untergraben. Soziale Normen, Gesetze und Institutionen, die eigentlich dazu dienen sollten, Menschen die Entfaltung ihres Potenzials zu ermöglichen und öffentliche Ressourcen gerecht zu teilen, werden zweckentfremdet. In der Folge erodiert das Vertrauen zwischen Bürger:innen und Institutionen, der Gesellschaftsvertrag wird geschwächt und die Legitimität demokratischer Regierungsführung nimmt ab. Öffentliche Institutionen verlieren ihre Wirksamkeit, können Rechte nicht mehr schützen oder Dienstleistungen nicht mehr erbringen; gleichzeitig verschärfen sich Ungleichheiten, und öffentliche Mittel werden missbraucht. Dieses Phänomen, bekannt als Korruption, stellt eines der grössten Hindernisse für menschliche, wirtschaftliche und soziale Entwicklung dar und damit auch für sozialen Zusammenhalt.
Dies wirft eine zentrale Frage auf: Wie können Gemeinschaften sozialen Zusammenhalt stärken, wo Korruption tief verankert ist?
Die Erfahrungen von Helvetas in Cabo Delgado
Eine mögliche Antwort auf diese Frage wurde von Helvetas in der Provinz Cabo Delgado im Norden Mosambiks erprobt. Finanziert von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit der Schweiz (DEZA), setzte das Gesundheitsförderungsprojekt auf gendergerechtes Budgetieren, um Rechenschaftsmechanismen auf Gemeinde-, Distrikt- und Provinzebene zu entwickeln. Ziel war es, Transparenz zu erhöhen, Vertrauen wiederherzustellen und sicherzustellen, dass die Bedürfnisse von Frauen, Jugendlichen und marginalisierten Gruppen in die lokale Planung und Mittelvergabe einbezogen werden.
Beitrag zur Stärkung der Gemeinschaften
Zu Beginn führte Helvetas eine Stakeholder-Analyse durch, um die einflussreichen Akteure in den Gemeinden zu identifizieren (traditionelle und religiöse Führungspersonen, Lehrkräfte, Vertreter:innen der Privatwirtschaft, Frauenverbände, Jugendgruppen, Senior:innen, Eltern-Lehrer-Assoziationen sowie Gesundheitskomitees). Anschliessend lag der Fokus auf der Stärkung ihrer Fähigkeiten, eigene Bedürfnisse klar zu artikulieren und sich wirksam in Budgetprozesse einzubringen.
Um inklusive Beteiligung zu fördern, knüpfte das Projekt an bestehende Formate wie die sogenannten «Planungsmessen» (Feira de Planificação) und Gemeinde-Foren auf verschiedenen Ebenen an. Diese Foren sind Teil des jährlichen Planungs- und Budgetierungsprozesses von Provinz- und Distriktregierungen (PESOD – Plano Económico e Social e Orçamento Distrital) und laden Bürger:innen, Gemeindevorsteher:innen, Zivilgesellschaft, Privatwirtschaft und Dienstleister:innen ein, Prioritäten, Vorschläge und Projekte einzubringen. Sie fördern Transparenz, lokale Ownership und Dialog, der Machtasymmetrien in Bezug auf Geschlecht, Alter oder sozioökonomischen Status entgegenwirkt. Helvetas unterstützte ausserdem die Gemeinderäte dabei, dass Vertreter:innen der Dörfer und Gemeinden in inklusiven Verfahren ausgewählt wurden, die die soziodemografische Vielfalt ihrer Wählerschaft widerspiegeln.
Bürgerschaftliche Aufsicht und Rechenschaftspflicht
Die Beteiligung darf jedoch nicht rein symbolisch bleiben. Um sicherzustellen, dass die in Konsultationen identifizierten Prioritäten der Bevölkerung tatsächlich in Planungen und Budgets einfliessen, richtete das Projekt ein gemeindebasiertes Monitoring-Komitee ein. Dieses Gremium setzte sich aus Frauen-, Jugend- und Senior:innengruppen sowie lokalen Organisationen zusammen. Es überwachte, ob die vereinbarten Prioritäten im Rahmen des Distriktplans für soziale und wirtschaftliche Entwicklung (PESOD) umgesetzt wurden. Das Komitee organisierte öffentliche Anhörungen, Feldbesuche und gemeindegesteuerte Einschätzungen laufender öffentlicher Initiativen und schuf so Interaktionen zwischen Bürger:innen und lokalen Behörden, die Transparenz und Vertrauen stärkten.
Partnerschaften auf Distrikt-Ebene
Auf Distrikt-Ebene förderte Helvetas die Einbindung von Gemeindevertreter:innen in die Distriktsräte. Zwar waren ihre Einflussmöglichkeiten durch politische Einschränkungen mitunter begrenzt, doch ermöglichte ihre Präsenz eine stärkere Vertretung lokaler Prioritäten in der Budgetplanung.
Regelmässige Konsultationen zwischen Distriktvertreter:innen, Gemeinschaften und Helvetas-Partnern wurden zu einem festen Bestandteil des Planungszyklus und stärkten die gegenseitige Rechenschaftspflicht zwischen Bürger:innen und Behörden.
Förderung des Dialogs auf Provinz-Ebene
Auf Provinzebene gestaltete sich die Einbindung besonders schwierig. Die für Budgetmanagement zuständigen Institutionen – die Direcção Provincial de Planificação e Finanças (DPPF), die Direcção Provincial de Obras Públicas (DPOP) und die Direcção Provincial de Saúde (DPS) – sind stark politisiert und von den Gemeinden oft weit entfernt, was direkte Mitgestaltung erschwert.
Dennoch legte das Projekt eine wichtige Grundlage für künftigen Dialog. Bürger:innen erhielten Zugang zu Informationen über Politik- und Budgetprozesse auf Provinzebene und konnten ihre Einflussmöglichkeiten besser wahrnehmen. Solche Ansätze tragen dazu bei, dass Provinzbehörden ihre Strategien stärker an lokalen Realitäten ausrichten, mehr Transparenz über die Berücksichtigung von Gemeindebedürfnissen schaffen und langfristig Partnerschaften sowie Governance-Strukturen stärken.
Zentrale Erkenntnisse
Die Erfahrungen in Cabo Delgado zeigen, dass es auch in fragilen, korruptionsanfälligen Kontexten möglich ist, wirksame Mechanismen zur Förderung des sozialen Zusammenhalts zu entwickeln. Drei zentrale Lektionen:
- Inklusion ist unverzichtbar. Frauen, Jugendliche und marginalisierte Gruppen müssen aktiv eingebunden sein und ihre Prioritäten müssen sich in Budgets sowie in sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungsplänen widerspiegeln.
- Bürgerorientierte Rechenschaftsmechanismen sind entscheidend. Monitoring-Komitees, öffentliche Anhörungen, soziale Audits und iterative Validierungsprozesse sichern, dass Gemeinschaftsprioritäten in allen Umsetzungsphasen erhalten bleiben.
- Verknüpfung verschiedener Ebenen ist essenziell. Die Verbindung von Gemeinde-, Distrikt- und Provinzstrukturen ermöglicht es, dass lokale Anliegen auch auf höheren politischen Ebenen Berücksichtigung finden.
Fazit
Das Projekt in Cabo Delgado zeigt, dass sozialer Zusammenhalt durch Strategien gestärkt werden kann, die auf Inklusion, Rechenschaftspflicht und der Verknüpfung verschiedener Handlungsebenen setzen. Trotz fortbestehender Herausforderungen wie Korruption und politischer Einschränkungen eröffnet die Schaffung partizipativer Räume, bürgerschaftlicher Kontrolle und kontinuierlicher Dialogformate zwischen Gemeinschaften und Behörden einen vielversprechenden Weg hin zu gerechterer und widerstandsfähigerer Regierungsführung. In fragilen Kontexten, in denen Korruption den sozialen Zusammenhalt gefährdet, stellen gendergerechte Mechanismen – wie sie Helvetas in Mosambik eingeführt hat – zentrale Instrumente für Friedensförderung, Vertrauensbildung und die Stärkung der Gesellschaftsverträge dar.