Der Weg von Mission 21 zum Triple Nexus – Einige Erkentnisse

«RUMP»-Projekt, in dem Frauen und Mädchen lernen, Menstruationsartikel selbst herzustellen – ein Beitrag gegen Periodenarmut und für interreligiösen Dialog zwischen Musliminnen und Christinnen. Angelika Weber/Mission 21
Mission 21
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Mission 21 Neue Studie von Unité: Navigating the Triple: Nexus Lessons and Insights from Across Unité’s Ecosystem (2024). Der Triple Nexus in Praxis.

Bis vor rund zehn Jahren engagierte sich Mission 21 ausschliesslich in der Entwicklungszusammenarbeit. Für Mission 21 galt humanitäre Hilfe als Aufgabe geeigneterer – oftmals auch grösserer – Organisationen.
Spenden, die Mission 21 beispielweise im Jahr 2004 nach dem Tsunami in Südostasien oder der Katastrophe in Fukushima 2011 erhalten hatte, wurden an befreundete Organisationen weitergeleitet.

Erste humanitäre Hilfe aufgrund grosser Betroffenheit
Im Jahr 2015, als die Angriffe von den sogenannten Boko Haram weite Teile des Nordostens von Nigeria verwüsteten – ein Gebiet in welchem Mission 21 und deren lokalen Partner:innen seit Jahrzehnten zur nachhaltigen Entwicklung arbeitete – und die Eskalation der Gewalt zur Vertreibung von über 2,5 Millionen Menschen führte, lancierte Mission 21 ein Programm für humanitäre Hilfe gemeinsam mit der langjährigen nigerianischen Partnerkirche EYN und der amerikanischen Church of the Brethren (COB). Ziel war die Unterstützung von intern Vertriebenen Menschen, deren Grundbedürfnisse von keiner anderen Organisation abgedeckt wurden.

Lessons Learned Nr. 1: Diese trilaterale Partnerschaft basierend auf einer langjährigen, sehr gut verwurzelten Partnerbeziehung legte das Fundament für den Aufbau des humanitären Engagements in Nigeria.

Aufbau und Weiterentwicklung
Parallel dazu baute Mission 21 ein Koordinationsbüro mit einer nigerianischen Programmkoordination auf. Seitdem hat Mission 21 den Umfang ihres Engagements ausgeweitet, indem sie mit neuen nigerianischen Partnerorganisationen zusammenarbeitet, die über Expertise in humanitärer Hilfe, Entwicklungszusammenarbeit und/oder Friedensförderung verfügen. Bestehende Projekte wurden an die sozioökonomischen Folgen der multiplen Krisen angepasst, besonders für intern vertriebene Personen und Gruppen. Interreligiöse Friedensförderungsnetzwerke integrierten zunehmend Komponenten zur Einkommensförderung. Diese wurden Teil des nationalen Netzwerks «Emergency Preparedness and Response Team» (EPRT).

Lessons Learned Nr. 2: Es braucht eine gemeinsame Wirkungshypothese (Theory of Change) sowie zusätzliche Koordination zwischen den verschiedenen Projekten und Partner:innen, Netzwerkaufbau sowie den Aufbau von Kapazitäten (personell, strukturell und finanziell) sowohl bei Mission 21 wie auch bei den Partner:innen für die Integration des Triple Nexus in die Kooperationsprogramme. Damit verbunden ist die Sensibilisierung von Geldgeber:innen, die verstehen müssen, dass Koordinationstätigkeiten keine Overhead-Kosten sind, sondern Grundvoraussetzung für die Umsetzung des Triple Nexus.

Konfliktsensitivität als «Kitt» in der operativen Umsetzung
Zentraler «Kitt» zur Operationalisierung des Double Nexus (Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe) und später Triple Nexus (Entwicklungszusammenarbeit, humanitäre Hilfe und Friedensförderung) war eine konsequente Konfliktanalyse und konfliktsensitives Programmmanagement: Dazu Yakubu Joseph, Programmkoordinator von Mission 21 in Nigeria: «In unseren Konfliktanalysen haben wir festgestellt, dass tief verankerte strukturelle Ungleichheit wie Armut und Arbeitslosigkeit, die Folgen des Klimawandels oder die (illegale) Ausbeutung der Ressourcen an der Wurzel vieler Konflikte liegen. Wir haben auch erkannt, dass betroffene Menschen im Falle eines gewaltsamen Konflikts humanitäre Hilfe benötigen, die jedoch sehr konfliktsensibel gestaltet werden muss. Daraus wurde uns klar, dass es einen Zusammenhang zwischen humanitärer Hilfe, Entwicklungszusammenarbeit und Friedensförderung gibt – Beziehungen werden durch Konflikte zerrissen, und es braucht gezielte Anstrengungen, um Versöhnung und Heilung zu ermöglichen. Diese Erkenntnis hat uns dazu veranlasst, unsere Projektpartner:innen – auch jene im humanitären Bereich – zur Zusammenarbeit zu ermutigen, um Kohärenz zu stärken. So erfordert zum Beispiel die Katastrophenvorsorge («Disaster Risk Reduction») ebenfalls entwicklungsorientierte Ansätze, um die Verwundbarkeit der Menschen zu verringern.»

Lessons Learned Nr. 3: Ein konsequenter konflikt- und gendersensibler Ansatz stärkt die Projektverknüpfung. «Man muss alle Faktoren und ihre wechselseitigen Wirkungen betrachten. Ein Beispiel ist sexuelle und geschlechtsspezifische Gewalt. Es braucht langfristige Projekte zur Wiederherstellung der mentalen Gesundheit und der Lebensgrundlagen von Überlebenden», erklärt Yakubu Joseph.

Chancen:

  1. Ganzheitliche Wirkung: Nexus-orientierte Projekte erreichen oft tiefere Wirkung, da sie mehrere Lebensbereiche gleichzeitig adressieren.
  2. Stärkere Resilienz: Die Kombination von humanitären, entwicklungsorientierten und friedensfördernden Massnahmen stärkt Gemeinschaften im Umgang mit neuen und zukünftigen Schocks. Dazu Yakubu Joseph: «(…) erst wenn der Fokus auf Resilienz statt nur auf unmittelbare Bedürfnisse gerichtet ist, zeigt sich der Mehrwert des Triple Nexus besonders deutlich.»
  3. Gestärkte Partnerschaften: Durch den Fokus auf ortsansässige Partner:innen wird nicht nur lokale Expertise eingebunden, sondern auch Ownership gestärkt – ein zentraler Faktor für nachhaltige Veränderung.

Herausforderungen:

  1. Koordinationsaufwand: Der Triple Nexus erfordert ein hohes Mass an Koordination. Unterschiedliche Logiken und Zeitperspektiven der drei Bereiche können Spannungen erzeugen.
  2. Ressourcenkonflikte: Da finanzielle Mittel oft begrenzt sind, drohen interne Verteilungskämpfe, welche den Nexus-Ansatz schwächen. Eine klare Priorisierung der Ressourcenzuteilung ist hier essenziell.
  3. Kompetenzaufbau: Weder Mission 21 noch alle Partner waren von Beginn an mit der Denkweise des Triple Nexus vertraut. Schulungen und Austauschformate sind nötig, um gemeinsame Verständnisse zu entwickeln.
  4. Kontextabhängigkeit: Der Triple Nexus ist kein «One size fits all» -Modell. Seine Umsetzung muss stets an lokale Gegebenheiten angepasst werden. Besonders konfliktive Kontexte erfordern sorgfältige Kontextanalysen.

Fazit
Der Triple Nexus ist für Mission 21 kein abstraktes Konzept, sondern ein praxisorientierter Denk- und Handlungsrahmen. Im Zentrum steht die Überzeugung, dass humanitäre Hilfe, Entwicklungszusammenarbeit und Friedensförderung als miteinander verknüpfte Ansätze gedacht und umgesetzt werden müssen, um eine nachhaltige Wirkung zu erzielen – vorausgesetzt, dies geschieht mit ausgeprägter Konfliktsensitivität, in enger Zusammenarbeit mit lokalen Partner:innen und ihrem Wissen, durch partizipative Prozesse und auf der Grundlage solider strategischer Planung.

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