Der Humanitär-Entwicklungs-Friedens-Nexus (HDP-Nexus) zielt darauf ab, humanitäre, entwicklungspolitische und friedensfördernde Interventionen aufeinander abzustimmen, um Krisen ganzheitlich anzugehen. Frieden wird in diesem Zusammenhang als ein vielschichtiger Prozess verstanden: Er beginnt mit der Analyse der treibenden Kräfte von Konflikten, um deren Grundursachen zu bekämpfen, stellt betroffene Bevölkerungsgruppen als Hauptakteur:innen bei der Lösungsfindung in den Mittelpunkt, setzt auf Konfliktprävention, fordert die inklusive Einbeziehung vielseitiger Akteur:innen und umfasst friedensfördernde Massnahmen. Die Integration von Frieden in Entwicklungs- und humanitäre Programme birgt jedoch mehrere Dilemmas:
1. Priorisierung
Friedensarbeit ist ein zentraler Bestandteil des HDP-Nexus, wird in der Praxis jedoch häufig von humanitären oder entwicklungsbezogenen Massnahmen in den Hintergrund gedrängt. Akute Notlagen, kurzfristige Geberinteressen und die Auffassung, Frieden sei ein langfristiges oder nachrangiges Ziel, erschweren eine frühzeitige Integration. Programme sollten Friedensförderung sowie Konflikt- und Bedarfsanalysen von Anfang an in die Projektgestaltung einbeziehen.
2. Messung der Komplementarität und kontextuellen Angemessenhe
Wie gut Friedensarbeit mit humanitären und entwicklungspolitischen Massnahmen zusammenspielt, ist schwierig zu erfassen. Die Messung der Wirkung von friedensfördernden Aktivitäten, welche oft qualitativ und langfristig sind, ist in dynamischen Konfliktsituationen komplex und führt zu einer uneinheitlichen Anwendung in verschiedenen Kontexten. Organisationen sollten deshalb kontextspezifische Indikatoren für Friedenswirkungen entwickeln, welche quantitative Daten (z. B. Rückgang gewaltsamer Vorfälle) mit qualitativen Einschätzungen (z. B. das Vertrauensniveau in der Gemeinschaft) kombinieren.
3. Risiko der Politisierung
Gemäss dem HDP-Nexus wird Frieden durch humanitäre Hilfe und Entwicklungsmaßnahmen gestärkt werden. Die Priorisierung des Friedens kann jedoch dazu führen, dass die anderen Bereiche politisiert werden und dabei zentrale humanitäre Prinzipien wie Unparteilichkeit und Unabhängigkeit gefährden. Um dem vorzubeugen, braucht es klare Leitlinien, die definieren, wie Friedensförderung die humanitäre Hilfe sinnvoll und unvoreingenommen unterstützen kann. Zum Beispiel könnte sich humanitäre Hilfe in Gaza auf den universellen Zugang zu Versorgung konzentrieren, während Friedensprozesse separat verlaufen und Dialog unter Beteiligung aller Akteur:innen ermöglichen.
4. Begrenzte Fachkompetenz über die Nexus-Bereiche hinweg
Für eine wirksame Umsetzung des HDP-Nexus braucht es kontextspezifisches Fachwissen in den Bereichen der humanitären Hilfe, Entwicklungszusammenarbeit und Friedensförderung. Häufig erwarten die Organisationen aber, dass humanitäre Expert:innen gleichzeitig auch Spezialist:innen in der Entwicklungs- oder Friedensförderung sind, was zu Doppelbelastungen führt und die Wirkung der Interventionen schwächt. Organisationen sollten gezielt in bereichsübergreifende Fortbildungen investieren, um diese Kompetenzlücken zu schliessen.
5. Herausforderungen beim Erreichen von Kohärenz und Koordination
Das Erreichen von Kohärenz und Komplementarität ist angesichts schlechter Kommunikation und begrenzter Koordination zwischen den Akteuren schwierig. In Konfliktgebieten sind die Beteiligten – staatliche Akteur:innen, bewaffnete Gruppen und NGOs – möglicherweise nicht in der Lage oder nicht willens, ihre Bemühungen aufeinander abzustimmen, was die Wirksamkeit des Nexus untergräbt. Multi-Stakeholder-Plattformen – wie Koordinationsstellen oder Arbeitsgruppen – können die Kohärenz und Koordination steigern.
6. Navigation zwischen negativem und positivem Frieden
Der HDP-Nexus unterscheidet zwischen negativem Frieden (Waffenstillstand, vorübergehende Stabilität) und positivem Frieden (nachhaltiger, inklusiver Frieden). Zu entscheiden, welcher von beide Vorrang hat, ist ein Dilemma. In Gaza beispielsweise ermöglichen Waffenstillstände (negativer Frieden) zwar humanitäre Hilfe, doch scheitern sie oft am Übergang zu positivem Frieden, wie wiederkehrende Konflikte verdeutlichen. Wird dieser Übergang schlecht geplant, besteht die Gefahr, dass sich der Kreislauf der Instabilität fortsetzt.
7. Ambiguität in der Friedensdefinition und Finanzierung
Die fluide Definition von Frieden im HDP-Nexus ermöglicht Flexibilität, führt aber auch zu uneinheitlichen Programmen. Einige Akteur:innen nutzen diese Unklarheit aus, indem sie minimale Ressourcen für den Frieden bereitstellen oder zu breit angelegte Interventionen durchführen (z. B. von militärischen Interventionen bis hin zur sozialen Reintegration). Nach wie vor wird darüber diskutiert, ob Frieden sowohl «harte» (sicherheitsorientierte) und «weiche» (gemeinschaftsbasierte) Interventionen umfassen sollte, was die Finanzierung und Programmgestaltung erschweren.
Die Umsetzung der Friedenskomponente des HDP-Nexus erfordert eine frühzeitige Integration, klare Definitionen, eine verbesserte Koordination und qualifiziertes Personal. Kontextsensitive, inklusive Ansätze, die betroffene Bevölkerungsgruppen in den Vordergrund stellen, können dazu beitragen, den Schwerpunkt des Nexus auf nachhaltige Friedensförderung umzusetzen.