In der Debatte um die Machtverlagerung (Power Shift) der internationalen Zusammenarbeit (IZA) zeigt der von Fastenaktion unterstützte Ansatz der Kalebassen-Solidaritätsgruppen im Senegal, wie wirksam lokal geführte Entwicklung sein kann. In diesen Gruppen legen Mitglieder regelmässig und anonym kleine Geldbeträge zusammen, tauschen sich aus und unterstützen sich gegenseitig. Aus dem gemeinschaftlichen Fonds können Mitglieder:innen in Not zinslose Kredite erhalten oder gemeinsame wirtschaftliche Initiativen wie Gruppeneinkäufe finanzieren.
Von Senegales:innen für Senegales:innen entwickelt, ist der Ansatz innerhalb von 20 Jahren zu einer nationalen Bewegung mit über 2’500 Solidaritätskalebassen für über 800’000 Menschen gewachsen. Eine Studie von Fastenaktion und swisspeace zeigt eindrücklich, wie die Kalebassen als in der Gesellschaft verankerte, solidarische Finanz- und Austauschform soziale Kohäsion erhöhen, den ökonomischen Druck durch die zinslosen Notkredite reduzieren und gemeinsame wirtschaftliche Lernräume schaffen. Vieles hat sich dynamisch entwickelt, geblieben ist die starke lokale Verankerung und Autonomie, welche den Kalebassen und den Partnerorganisationen (PO) zugestanden wird. Samba Mbaye, Mitentwickler des Ansatzes betont: «Entscheidend für den Erfolg ist die Philosophie von Fastenaktion: Sie kommt nicht mit fertigen Lösungen, sondern unterstützt die Gemeinschaften dabei, ihre eigenen Strategien zu entwickeln.»
Das Landesprogramm, welches die Partnerorganisationen und Kalebassenprojekte unterstützt und begleitet, verzichtet bewusst darauf, externe Themen oder globale Trends vorzugeben. Die Agenda der Kalebassen soll aus den lokalen Bedürfnissen der Mitglieder:innen entstehen. Auf diese Weise können sich die Menschen direkt um die Probleme kümmern, die ihren Alltag belasten. Der Verzicht auf externe Agendasetzung ist kein Desinteresse an globalen Herausforderungen, sondern eine bewusste Stärkung der lokalen Relevanz.
Im Rahmen der Kalebassenprojekte hat das Landesprogramm im Senegal konkrete Erfahrungen zum Transfer von Entscheidungsmacht auf drei verschiedene Ebenen gesammelt:
- Koordinationsebene: Die senegalesische Koordinationsstelle wählt autonom sogenannte «indirekte Partnerorganisationen» aus. Diese agieren mit minimaler finanzieller Unterstützung, aber hoher Eigeninitiative und erreichen heute bereits einen Drittel der Menschen, welche von den Kalebassen profitieren (ca. 260’000 Menschen). Diese Entscheidungsmacht der Koordinationsstelle ermöglicht eine schnellere Anpassung an die lokalen Bedürfnisse. Die Bewilligung eines grösseren Budgets ohne konkrete Projektaktivitäten setzte jedoch einige interne Überzeugungsarbeit innerhalb von Fastenaktion voraus.
- Ebene der PO: Ein flexibles Funding-Modell erlaubt einer PO die selbständige Mittelverwendung unter der Bedingung, dass sie ihre Erfahrungen dokumentiert. Die Praxis – wie hier die Anschaffung eines Fahrzeugs statt programmatischer Aktivitäten – zeigt: Die Prioritäten können von den Erwartungen der Nord-Partner abweichen, sind jedoch kohärent mit der Zielsetzung des Projektes und finanziell fundiert begründet. Dies fordert das traditionelle Verständnis der Nord-Süd-Zusammenarbeit heraus. Die Analyse des Pilotprojektes mit allen POs ergab: Flexibilität wird zwar sehr geschätzt, es werden aber auch mögliche Risiken wahrgenommen, wie interne Konflikte innerhalb der PO in Bezug auf die Mittelverwendung, Zeitaufwand für die Entscheidungsfindung, missbräuchliche Verwendung der Mittel oder Konflikte mit den Geldgeber:innen.
- Ebene der Regionalnetzwerke: Den Kalebassen-Netzwerken wurden Pauschalbudgets für Organisationsentwicklung zugewiesen. Dabei konnten sie wählen, wie sie die Mittel innerhalb der Kategorien Infrastruktur, Ausbildung und Gruppeneinkäufe ausgeben wollten. Sie investierten ausschliesslich in Infrastruktur und Gruppeneinkäufe, statt in Weiterbildungen. Das Ergebnis, 15 von 17 Netzwerken steigerten dadurch ihre Unabhängigkeit signifikant.
Subsidiarität in der IZA entfaltet ihre volle Wirksamkeit erst dann, wenn sie mit der Übertragung von Ressourcen- und Entscheidungshoheit einhergeht und nur wenn die unterstützenden internationale Organisationen bewusst Macht abgeben und Kontrolle teilen.