Mehr als finanzielle Mittel – Lokalisierung als Beziehungsarbeit

Knowledge-Hub Treffen in Senegal, 2022. IAMANEH Schweiz
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Bereits zu Beginn der 2000er-Jahre sahen sich Organisationen der internationalen Zusammenarbeit einem nicht unberechtigten Vorwurf konfrontiert: Durch das «Entwicklungs-Paradigma» zementierten sie bestehende Machtstrukturen und trugen zur Entstehung neuer Dependenzen bei. Diese Kritik wurde zu einem Kernpunkt des bis heute anhaltenden Dekolonisierungsdiskurses.

Lokalisierung und Dekolonisierung sind verwandte, aber keine deckungsgleichen Konzepte. Lokalisierung zielt darauf ab, lokalen Akteur:innen mehr Ressourcen und Entscheidungsmacht zu übertragen. Dekolonisierung geht weiter; sie will historische Machtverhältnisse strukturell verändern – durch die Umverteilung von Wissen und institutioneller Autorität. Lokalisierung ist damit Teil eines umfassenderen Dekolonisierungsprozesses, in dem die Beziehungsräume zwischen Globalem Norden und Süden neu verhandelt werden.

Auf Geldflüsse fokussiert

Initiativen wie der Grand Bargain haben bereits 2016 mehr Mittel und Entscheidungsmacht für lokale Akteur:innen gefordert – doch die Umsetzung der letzten zehn Jahre zeigt, wie tief Machtasymmetrien weiterhin verankert sind. Die aktuellen Umstrukturierungen fokussieren stark auf Geldflüsse. Die Prämisse lautet: Mehr Direktfinanzierung für lokale Organisationen soll Asymmetrien abbauen. Doch die blosse Dezentralisierung der Mittel schwächt Über- und Unterordnungsverhältnisse kaum ab. Solange Gelder überwiegend über internationale Zwischenorganisationen fliessen, verbleibt die strategische Steuerung bei diesen.

Flexible, mehrjährige und ungebundene Finanzierungen hingegen erweitern lokale Handlungsspielräume und stärken institutionelle Eigenständigkeit – stossen aber rasch an die Grenzen stark formalisierter Berichts- und Kontrollanforderungen der Geldgeber:innen. Verstärkt wird dieses Spannungsfeld durch die strukturelle Abhängigkeit von eben diesen. Ihre Erwartungen geniessen in der «Rechenschaftshierarchie» faktisch Vorrang – nicht, weil die Verantwortung gegenüber den Gemeinschaften weniger zählt, sondern weil mit den Geldgeber:innen schlicht alles steht und fällt. Der Druck auf Messbarkeit führt dazu, dass Projekte stärker auf Reputationssicherung ausgerichtet werden als auf langfristige, lokal definierte Transformationsprozesse.

Anfang 2026 haben über 40 Schweizer NGOs, darunter IAMANEH Schweiz, das Manifest «Lokal verankert. Global vernetzt» verabschiedet, das zu konkreten Schritten in fünf Tätigkeitsbereichen aufruft. Einer davon ist der Aufbau gleichberechtigter Partnerschaften und Räume für kritischen Austausch. Ein konkretes Beispiel, wie IAMANEH Schweiz dies seit mehr als zehn Jahren in Zusammenarbeit mit der anderen KOFF Oganisation terre des hommes schweiz umsetzt, ist der «Knowledge Hub» – eine gemeinsame Plattform, die Partnerorganisationen in die Analyse von Machtasymmetrien einbindet, Erfahrungen kapitalisiert und Wissen kontextübergreifend zugänglich macht. So entstehen Beziehungsräume, in denen Einfluss geteilt und Entscheidungen gemeinsam getroffen werden – denn Lokalisierung, die Transformation anstrebt, braucht vor allem Zeit und nicht nur Geld.

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