Lokal geführte Entwicklung – kurzlebiger Trend oder nachhaltige Transformation?

Bezirksverwaltungsstelle für das SAMI-Projektmanagement, Malangawa (Nepal), Helevtas
Helvetas
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Der Bereich Entwicklung und humanitäre Hilfe ist an einem Scheideweg angelangt. Seit Jahrzehnten herrscht das Nord-Süd-Modell vor, jedoch ohne Fortschritte bei den Zielen für nachhaltige Entwicklung. Dies kommt daher, dass die lokale Zivilgesellschaft nicht in Gestaltungs- und Entscheidungsprozesse einbezogen wird und der zivilgesellschaftliche Raum zunehmend schrumpft. Hochrangige Verpflichtungen wie der Aktionsplan von Accra und der Grand Bargain versprachen einen Paradigmenwechsel, doch die Umsetzung blieb bislang weitgehend unerfüllt und ist sogar rückläufig.

Dabei ist lokal geführte Entwicklung (Locally Led Development, LLD) nicht neu. Sie gilt seit Langem als bewährte Praxis, die auf Basis einer guten Regierungsführung für die Inklusion und Partizipation lokaler Akteure sorgt. Sie fördert eine Umverteilung von Macht und Ressourcen, um die Spirale aus Ungleichheit, Ungerechtigkeit und Fragilität zu durchbrechen und eine wirksame nachhaltige Entwicklung zu erzielen. Zusammen schaffen LLD und gute Regierungsführung inklusivere Systeme. Damit es jedoch nicht bei blosser Rhetorik und einem erfolglosen Trend bleibt, müssen wir uns mit Wahrheiten, Egos und Unsicherheiten auseinandersetzen, die mit der Umverteilung von Kapazitäten, Ressourcen und Macht verbunden sind.

Echtes Know-how und falsche Risikowahrnehmung
Die Risikowahrnehmung auf internationaler Ebene stellt ein zentrales Hindernis für LLD dar. Geldgeber:innen und internationale Institutionen stufen lokale Akteure und Organisationen sowie informelle und nichttraditionelle Strukturen oft als riskant ein. Dies führt zu einer Gatekeeping-Mentalität und Abhängigkeitsverhältnissen. Durch die unvermittelte Entsendung internationaler «Expert:innen» von aussen oder die Übertragung der Hauptverantwortung auf eine internationale Institution oder Organisation werden lokale Akteure auf die Rolle der «Begünstigten» reduziert. Ihre kontextuelle Intelligenz und Erfahrung werden ignoriert. Dabei ist dieses häufig unterschätzte Know-how enorm wertvoll in einem Umfeld, das von internationaler Entwicklungsarbeit und humanitärer Hilfe geprägt ist. Schliesslich muss die lokale Bevölkerung mit den Folgen leben – wie auch immer diese aussehen. Mit unserem arroganten Ansatz vermitteln wir die Botschaft, dass wir die Belange der Menschen und Gesellschaften, mit denen wir zusammenarbeiten und interagieren, am besten kennen und nur wir uns um ihr Wohlergehen kümmern. Das würde bedeuten: Ohne unser Zutun wären Ressourcenverwaltung, Strategieplanung, Interventionen und Wirkung unzureichend.

Echte LLD erfordert die Auseinandersetzung mit Doppelstandards und Widersprüchen. Wir müssen nicht nur die Geberinstrumente und Regelungen anpassen, sondern auch die Herangehensweisen internationaler Organisationen. Das bedeutet, auch wir müssen veränderungsbereit sein, unser Selbstbild infrage stellen, unsere Risikowahrnehmung neu ausrichten und das Know-how nationaler und lokaler Expert:innen wertschätzen. Ohne förderliches Umfeld bleibt LLD nicht mehr als ein vorübergehender Trend und ein unerreichbares nachhaltiges Entwicklungsziel.

Von der Theorie zur Praxis: zwei Narrative des Wandels
Verschiedene Helvetas-Projekte zeigen, wie dieser Wandel in Theorie und Praxis umgesetzt wird.

1. Kapazitäten teilen, statt aufbauen

Die Debatte zur «Entkolonialisierung der Hilfe» betont, dass Know-how nicht nur von Nord nach Süd fliessen sollte. Anstatt Kapazitäten aufzubauen – was auf ein Defizit bei lokalen Akteuren hindeuten würde –, müssen wir Kapazitäten teilen. So fördern wir eine wechselseitige Beziehung unter Gleichgestellten, die das Know-how des jeweils anderen schätzen.  2010 unterstützte Helvetas die Einrichtung eines lokalen NGO Resource Center in Laos.  Es umfasst neben einem vielfältigen Serviceangebot auch ein Programm zur Kapazitätsentwicklung.  Das Besondere an der Initiative: Die Plattform bietet einen offenen und transparenten Kanal, über den sich lokale und internationale NGOs gegenseitig unterstützen können. Auch Geldgeber:innen und andere Institutionen können hierüber Dienstleistungen anfordern. Dadurch werden lokale NGOs nicht nur als Experten und Entwicklungsakteure in eigener Sache anerkannt, sondern sie können im Rahmen eines unabhängigeren, nachhaltigeren «Geschäftsmodells» ihren Organisationen auch eine Basisfinanzierung ermöglichen. Die Plattform sowie das Resource Center sind nach wie vor in Betrieb – und das in einem Land, das Civicus als «geschlossen» eingestuft hat.

Ein weiteres beeindruckendes Beispiel ist das Projekt CSO-PVE. In Bangladesch und Sri Lanka gibt es eine hohe Jugendarbeitslosigkeit und kaum Chancen für soziale und politische Teilhabe – ein idealer Nährboden für extremistische Gruppen, die junge Menschen anwerben.

Helvetas ermöglichte den gegenseitigen Austausch und die Kooperation von Mitarbeitenden zivilgesellschaftlicher Organisationen (ZGOs) aus Bangladesch und Sri Lanka. Zum Beispiel unterstützte Helvetas zivilgesellschaftliche Gruppen und lokale Gemeinschaften bei der Zusammenarbeit mit Jugendlichen in und zwischen den beiden Ländern, um gewalttätigem Extremismus entgegenzuwirken. Darüber hinaus förderte Helvetas die Interaktion von ZGOs mit lokalen Behörden sowie traditionellen und religiösen Führern. Dieser direkte Kontakt stärkte das Bewusstsein für Würde, gegenseitigen Respekt und gemeinsame Ziele. Stereotype, verzerrte Normen und Barrieren wurden durch lokale Innovation, Zusammenarbeit auf Augenhöhe und lokal geführte Entwicklung abgelöst. Als Veranstalterin und Moderatorin brachte Helvetas lokale Akteure über gesellschaftliche, religiöse und sektorale Grenzen hinweg zusammen, die so voneinander lernen und gegenseitiges Vertrauen sowie soziales und politisches Kapital für den Wandel aufbauen konnten.

 Nicht zuletzt festigte die Förderung des interkulturellen Dialogs, der nationalen und grenzüberschreitenden Solidarität, den Frieden und den sozialen Zusammenhalt.

2. Fördern und institutionalisieren statt implementieren

In Äthiopien veranschaulicht der Übergang vom Amhara Local Governance Project (ALGP) zum erweiterten Ethiopia Local Governance Project (ELGP) den Einfluss der «Veranstalter:innenrolle». Das Projekt soll sicherstellen, dass Gemeinschaften sowohl bessere Grunddienste erhalten als auch selbst massgeblich zur partizipativen Planung, Bereitstellung und Gouvernanz von Grunddiensten beitragen können.

Anstatt das Projekt im Auftrag der lokalen Behörden und der durch sie zu vertretenden Gemeinschaften zu implementieren, fungierte Helvetas als Moderatorin und nutzte ihre Legitimität, um die Kluft zwischen Bevölkerung und Staat zu überwinden.

An die Stelle einer Belehrung trat das Schaffen von Räumen und Kanälen, um sich zu äussern und gehört zu werden. Über Plattformen wie Telegram wenden sich Bürger:innen nun direkt an Regierungsvetreter:innen, wodurch Transparenz und ein gewisser «Druck» für Rechenschaft und systematischere Nachverfolgung entsteht. Auf diesem Weg werden 420 Stadtviertel und 35’000 Menschen erreicht, sodass sich lokale Akteure ihren zivilgesellschaftlichen Raum sichern können. Indem wir von der Entwicklerin zum Moderatorin wurden, gewann der Einsatz an Relevanz und war leichter auf andere Bereiche übertragbar, da er auf Vertrauen und dauerhaften Strukturen vor Ort basierte, anstatt auf externen Mandaten und kurzlebigen Interventionen.

In Nepal zeigt das DEZA-Projekt Safer Migration (SaMi), wie wichtig Eigenverantwortung für die finanzielle und operative Nachhaltigkeit ist. Helvetas unterstützte 156 lokale Regierungen dabei, die volle Verantwortung für die Erbringung von Migrationsdienstleistungen zu tragen. Dadurch entwickelten sich lokale Partner:innen von Projektteilnehmenden zu Hauptakteuren. Heute steuern sie 70 Prozent des Projektbudgets bei und überwachen die Qualität von Migrationsdienstleistungen.

Hier erkennen wir eine wesentliche Voraussetzung für sinnvolle, echte LLD: eine Ausstiegsstrategie. Lokale Systeme können nur unabhängig und rechenschaftspflichtig werden, wenn internationale Partner bereit sind, sich zurückzuziehen. Dieser Ansatz gibt lokalen Institutionen genügend Raum, um selbst langfristig Verantwortung für ihre Mandate und Dienstleistungen zu übernehmen.

Operationalisierung der Realität

Solange die Hilfsarchitektur und das bisherige Modell der internationalen Zusammenarbeit nicht reformiert werden, existiert der Nutzen von LLD nur auf dem Papier. Eine Reform erfordert unter anderem:

  • Organisatorische Integrität und Resilienz: Gewährung einer indirekten Basisfinanzierung, damit lokale Organisationen in ihre eigene Personalverwaltung und -entwicklung, Gouvernanz und langfristige Resilienz investieren können.
  • Sektorale und institutionelle Legitimität und Pluralismus: sektorübergreifende Vernetzung von (nichtstaatlichen, öffentlichen und privaten) Akteuren, Organisationen und Institutionen sowie Investitionen in diese. Mithilfe dieser Strategie werden interne Gräben geschlossen, Brücken gebaut, Verbindungen geknüpft und gemeinsame Interessen, Absichten, Kapazitäten und Ressourcen hervorgehoben, um inklusivere und wirksamere politische Massnahmen, Budgets und Dienstleistungen zu erhalten.
  • Ergebnisorientiertes Management: Ersetzen kurzfristiger, restriktiver Zuschüsse durch ergebnisorientierte, direkte Fördermittel, die es lokalen Akteuren ermöglichen, sich den Gegebenheiten unverzüglich anzupassen; Verbesserung der Qualität, des Lernens und der Rechenschaftspflicht.
  • Koordinierte gemeinsame Strategien: Förderung der Zusammenarbeit zwischen internationalen und nationalen Akteuren, Geldgeber:innen, Hilfsorganisationen, NGOs und Aktivist:innen in allen Bereichen. Durch die Bündelung ihrer Kräfte können sie ein förderlicheres Umfeld schaffen, das den zivilgesellschaftlichen Raum sowie Freiheiten schützt und erweitert; dadurch werden auch die Gerechtigkeit und der soziale Zusammenhalt gestärkt.

Wenn wir lokal geführte Entwicklung als Trend oder vorübergehende Reaktion auf knappe Budgets ansehen, werden ihr Potenzial und ihre Wirkung schnell verpuffen. Stattdessen müssen wir die Dynamik nutzen, um dauerhaft zu verändern, wie wir Kapazitäten, Ressourcen und Macht einsetzen, aufteilen und bewahren.

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