In einer Zeit zunehmenden Autoritarismus, in der der zivilgesellschaftliche Raum schrumpft und Militarisierung als Antwort auf Unsicherheit dargestellt wird, ist Solidarität in der Friedensförderung wichtiger denn je. Solidarität beseitigt weder die Risiken, denen Frauen und feministische Friedensförderer:innen ausgesetzt sind, noch die strukturellen Herausforderungen, denen sie begegnen. Doch Solidarität als Kernstück der feministischen Friedensförderung schafft Verbindungen, stärkt kollektives Handeln und stellt sicher, dass Friedensförderer:innen diese Herausforderungen nicht allein bewältigen müssen. Die feministische Friedensarbeit stellt konfliktbetroffene Menschen in den Mittelpunkt, um die Ursachen bewaffneter Konflikte anzugehen. Sie zielt auf transformative und strukturelle Veränderungen ab und basiert auf kollektivem Handeln und kollektiver Kraft.
Solidarität ist ein zentraler Wert von PeaceWomen Across the Globe (PWAG). Für manche mag dies vage klingen – wie eine sentimentale Form der Wohltätigkeit oder ein abstraktes philosophisches Ideal. Für uns bei PWAG ist Solidarität jedoch Teil der täglichen Praxis der feministischen Friedensarbeit.
Für uns ist Friedensarbeit ein täglicher Akt des Widerstands – ein Kampf, an dem weltweit Tausende aus allen Gesellschaftsschichten beteiligt sind – und nicht nur die Arbeit von Diplomat:innen und Beamt:innen in geschlossenen Sitzungen. Viele Menschen leisten täglich und überall einen Beitrag zum Frieden. Deshalb bedeuten Friedensprozesse für PWAG mehr als nur den schlagzeilenträchtigen Händedruck mächtiger Männer zum Abschluss von Friedensverhandlungen. PWAG hat diese gängige Wahrnehmung hinterfragt und dekonstruiert. Ein Friedensprozess beginnt bereits vor dem Beginn formeller Friedensgespräche und dauert noch Jahrzehnte nach einem Waffenstillstand oder dem Abschluss eines formellen Abkommens an. Als feministische Friedensorganisation setzt sich PWAG dafür ein, dass die Stimmen und Forderungen von Frauen und feministischen Friedensstifter:innen, die Konflikte unmittelbar erleben, in allen Phasen von Friedensprozessen im Mittelpunkt stehen.
Eine solidarische und feministische Friedensförderung umfasst für PWAG den Aufbau langfristiger Partnerschaften, in denen Partnerorganisationen bei ihrer Friedensarbeit kontinuierlich begleitet werden. Das bedeutet jedoch nicht, nur einen einzigen Ansatz zu fördern. Friedensförderer:innen und Aktivist:innen übernehmen die Führung. PWAG begleitet und unterstützt sie in ihrer täglichen Friedensarbeit, die oft unter den härtesten Bedingungen und unter Gefahr für das eigene Leben durchgeführt wird. Als Schweizer Organisation ist uns die privilegierte Position bewusst, aus einem relativ sicheren Umfeld heraus arbeiten zu können. Wir nutzen diese Position, um die Friedensarbeit unserer Partner:innen zu stärken, indem wir Ressourcen bereitstellen, Zugänge schaffen und unsere Anliegen gegenüber Entscheidungsträger:innen in der Schweiz und international sichtbar machen. Zudem stärkt PWAG die globale Vernetzung von Frauen und feministischen Friedensstifter:innen über ihr Netzwerk «Feminists Connecting for Peace».
Solidarität nimmt verschiedene Formen an
Solidarität bedeutet für die Arbeit von PWAG und ihren Partner:innen stets, sichere und vertrauensvolle Beziehungen zwischen Frauen und feministischen Friedensstifter:innen aufzubauen.
Eine Teilnehmerin unseres Sudan-Programms und lokale Friedensstifterin aus Süd-Kordofan beschreibt Frieden als «die Gewissheit, mich morgens von meinem Kind verabschieden zu können, in dem Wissen, dass es nach der Schule wieder nach Hause kommt». Gemeinsam mit ihren Kolleginnen setzt sie sich für lokale Waffenruhen zwischen bewaffneten Akteur:innen ein. Wir bei PWAG sind der Überzeugung, dass Frauen wie sie im Mittelpunkt der Diskussionen über die Beendigung bewaffneter Konflikte und den Aufbau einer friedlichen Zukunft stehen sollten.
PWAG unterstützt die sudanesische Partnerorganisation Badya Center dabei, einen Austausch zwischen Friedensstifter:innen in Süd-Kordofan und im Exil in Kampala zu ermöglichen. Letztere stehen den offiziellen Friedensgesprächen näher. Dieses Programm stattet Frauen in Süd-Kordofan mit den Informationen und Werkzeugen aus, die sie für ihren täglichen Aktivismus benötigen. Gleichzeitig erhalten die Frauen, die unmittelbarer an den Verhandlungen beteiligt sind, Informationen aus erster Hand über die Lage im Sudan. Dadurch entsteht eine solidarische Beziehung, in der diejenigen mit (relativem) Zugang die Erfahrungen und Bedürfnisse derjenigen vermitteln, die von formalen Prozessen ausgeschlossen sind.
Wie wichtig die Solidarität mit Friedensaktivist:innen ausserhalb des eigenen Kontexts ist, wird in den internationalen Austauschprogrammen deutlich, die PWAG organisiert. Sich im täglichen Kampf für den Frieden nicht allein zu fühlen und die Solidarität von Friedensstifter:innen in weit entfernten Konflikten zu erfahren, sind wichtige Motivationsquellen. Nach einem Austausch mit sudanesischen Friedensstifterinnen sagte Gabriela Bastidas, eine kolumbianische Friedensaktivistin und Teilnehmerin am PWAG-Programm: «Auch wenn wir viele Kilometer voneinander entfernt sind, sind wir nicht allein und verfolgen dasselbe Ziel.»
Gemeinsam gegen den globalen Gender-Backlash
Die feministische Friedensförderung steht angesichts eines globalen Rückschlags in der Geschlechterfrage vor vielen Herausforderungen. Dies hat dazu geführt, dass feministische Agenden untergraben werden und weltweit an Anerkennung verlieren. Obwohl sich die Arbeit von Frauen und feministischen Friedensstifterinnen in zahlreichen von bewaffneten Konflikten betroffenen Kontexten als unverzichtbar erwiesen hat, findet sie kaum oder gar keine Sichtbarkeit und Anerkennung. Dieser Mangel an Anerkennung führt unmittelbar zu einem Mangel an Finanzmitteln, was den Umfang ihrer Arbeit einschränkt.
Dieser Rückschlag wirkt sich auf den Alltag und die Arbeit der Mitglieder und Partner von PWAG aus: Hass, Gewalt und Morddrohungen machen ihre Arbeit zunehmend gefährlich. Leider lässt sich dieses Problem nicht allein durch Solidarität lösen. Viele Friedensstifterinnen sind in ihrem Leben und ihrer Arbeit weiterhin extremen Risiken ausgesetzt.
Solidarität schafft jedoch Beziehungen, die über jedes Programm und jede Förderperiode hinaus Bestand haben. Ein Beispiel dafür sind Gruppenchats in Messaging-Apps, die mehrere Teilnehmerinnen der PWAG-Programme eingerichtet haben, um sich über Neuigkeiten auszutauschen, Analysen zu teilen, Sicherheitsbedenken zu besprechen und sich gegenseitig in schwierigen Zeiten zu unterstützen. Für viele sind diese Netzwerke zu einer wichtigen Quelle der Verbundenheit und Unterstützung geworden – in Kontexten, in denen sie sich durch ihre Arbeit zutiefst allein fühlen können.
Solidarität mit den von Konflikten und Gewalt Betroffenen bedeutet, ihre Erfahrungen in den Mittelpunkt zu stellen, ihre Arbeit konkret zu unterstützen und dazu beizutragen, den Handlungsspielraum für Frauen und feministische Friedensstifterinnen zu erweitern, damit sie die Entscheidungen mitgestalten können, die ihr Leben und die Zukunft ihrer Gemeinschaften betreffen – insbesondere in einer Zeit, in der diese Räume zunehmend unter Druck geraten.